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Der wilde Dezember

15. Dezember 2025 By Constanze Leave a Comment

Mein linkes Augenlid zuckt – seit Wochen. Und ja, bevor die Tipps kommen: Ich nehme schon lange Magnesium. Das Flattern bleibt. Vielleicht liegt es also gar nicht (nur) am Mineralstoffmangel. Vielleicht liegt es einfach am Dezember.

Dezember ist besonders. Er vergeht gefühlt besonders schnell. Er wird häufig als besonders stressig wahrgenommen und auch die Deadlines fühlen sich besonders krass an. Obwohl es ja – abgesehen von Dingen, wie dem betrieblichen Jahresabschluss – im Januar ganz normal weitergeht.

Psychologisch gesehen ist der Dezember ein besonderer Monat, nicht nur Monat 12 im Jahresverlauf sondern: Er ist ein Schlusspunkt.

Der Dezember als psychologisches Schlusskapitel: Need for Cognitive Closure

Wenn etwas zu Ende geht, entsteht in uns Menschen ein tiefes Bedürfnis nach Abschluss, Klarheit, Ordnung. In der Psychologie nennt man das Need for Cognitive Closure (Kruglanski, 1990): das Bedürfnis, offene Fragen zu schließen und Unsicherheiten zu reduzieren. Normalerweise spüren wir das diffus – mal mehr, mal weniger. Aber zum Jahresende wird es maximal sichtbar. Der 31. Dezember ist eine kulturelle Vollbremsung – alles ruft laut: «Bitte einmal alles abschliessen!», «Auf geht’s, Haken dran!» und «bitte einmal alles aufräumen». Und plötzlich bekommen Dinge Gewicht, die uns elf Monate lang egal waren: Das Email-Postfach aufräumen, Daheim ausmisten, Projekte abschliessen und so weiter. Psychologisch gesehen wollen wir allerdings nicht (nur) das realweltliche Chaos beseitigen sondern vor allem kognitive Spannung reduzieren, die offene Enden erzeugen.

Der Dezember-Erschöpfungspeak

Während wir im Kopf im Abschlusssprint sind, ist der Körper oft längst müde. Viele Menschen starten schon mit erschöpften Ressourcen in den Dezember, lange bevor der Monat beginnt.

Die Stressforschung zeigt deutlich: Belastung wirkt nicht linear, sondern kumuliert sich über das Jahr (McEwen, 1998). Das heißt: Wir nehmen Stress aus den vorherigen Monaten mit – auch wenn wir glauben, «ihn weggesteckt zu haben» oder bestimmte «stressige Phasen überstanden zu haben». Heisst, der Dezember erzeugt also nicht nur Erschöpfung, er offenbart sie.

Ja is denn heut schon Weihnachten? Warum der Dezember so schnell vergeht

Der Dezember rauscht vorbei – die Termine für Fotokalender-Bestellungen und Versand-Deadlines für Weihnachtsgeschenke kommen immer zu schnell und dafür gibt es psychologisch gesehen drei Gründe.

1. Ereignisdichte beschleunigt Zeitwahrnehmung

Generell gilt: Je mehr Ereignisse, desto schneller vergeht die Zeit subjektiv. Das zeigt die Forschung zur „Time Perception under Cognitive Load“: Wenn kognitive Ressourcen durch Ereignisse gebunden sind, verkürzt sich unser Zeitgefühl (Block et al., 2010).
Der Dezember ist der kognitiv – und oft auch faktisch – vollste Monat des Jahres. Der Mental Load erreicht ungeahnte Höhen, und eine Weihnachtsfeier jagt das nächste soziale Event. Kurzum: perfekte Bedingungen für einen inneren Zeitraffer.

2. Übergänge verändern die Zeiterfahrung

Ebenso gilt: Je näher ein bedeutsamer Übergang rückt, desto intensiver erleben wir die Zeit davor. Forschung zu sogenannten Temporal Landmarks zeigt, dass Übergänge – wie ein Jahresende – vom Gehirn als psychologische Orientierungspunkte abgespeichert werden (Dai, Milkman & Riis, 2014). Sie aktivieren den sogenannten Fresh-Start-Effekt: das Gefühl, dass ein neues Kapitel beginnt und man noch schnell „aufräumen“ oder sich neu ausrichten möchte.
Dadurch fühlt sich der Dezember nicht wie ein gewöhnlicher Monat an, sondern wie die Vorbereitung auf etwas Neuem. Und in solchen Vor-Phasen läuft Zeit intuitiv anders: ein bisschen schneller, ein bisschen drängender, ein bisschen bedeutungsvoller.

3. Antizipation beschleunigt Gegenwart

Und: Je stärker wir gedanklich in der Zukunft leben, desto schneller gleitet die Gegenwart an uns vorbei. Studien zeigen, dass Zukunftsorientierung die Aufmerksamkeit für den Moment reduziert – und Zeit subjektiv schneller vergehen lässt (Zakay & Block, 1997).
Der Dezember ist ein Paradebeispiel dafür: „Bald sind Ferien“, „Nächstes Jahr mache ich…“, „Nur noch bis Weihnachten“. Wenn der Blick ständig nach vorne geht, fühlt sich die Zeit dazwischen an, als würde sie uns durch die Finger rinnen.

Wie man gut durch den Dezember kommt

Das klingt jetzt alles logisch nachvollziehbar, aber auch echt anstrengend. Der Dezember verlang viel von uns – von unserem Kopf, unserem Körper (hier ein kleiner Hinweis an diverse Weihnachtsessen) und vor allem von unseren Erwartungen. Und deswegen dürfen wir uns auch selbst was zu Weihnachten schenken:

  1. Die Erlaubnis, dass nicht alles fertig sein muss. Der Jahreswechsel funktioniert auch mit offenen Enden.
  2. Kleine Micro-Pausen im Alltag:
    •  30 Sekunden bewusst aus dem Fenster schauen bevor wir die nächste Mail öffnen und nur sein und atmen.
    • In der Tram nicht gleich das Handy zücken, sondern einfach kurz die Augen zu machen und einen kleinen Check zu machen «Wie fühle ich mich gerade? Was brauche ich gerade?»
    • Einmal bewusst auszuatmen und dabei die Schultern aktiv fallen zu lassen. (klingt trivial, aber bitte probiert das mal aus)
  3. Macht einen kleinen Jahresabschluss für euch¨
    •  Was sind drei schöne Erinnerungen aus diesem Jahr, denen ihr einen ganz besonderen Platz in eurem Herzen geben wollt?
    • Auf was seid ihr stolz, was habt ihr dieses Jahr alles geschafft? Da wir abgeschlossene Dinge super schnell vergessen – Zeigarnik-Effekt lässt grüssen – hilft hierfür oft einmal durch die Foto-Library am Handy zu scrollen.

Und ganz wichtig: Der Dezember ist aufgeladen von Erwartungen. Manchmal hilft auch zu fragen: woher kommen die Erwartungen, denke ich nur, dass etwas von mir erwartet wird und muss ich das erfüllen oder denkt das nur mein Kopf? Im Zweifel gerne mal nachfragen. Und falls euch bestimmte Traditionen stressen: Traditionen sind nicht gottgegeben. Man kann sie umdefinieren. vielleicht ist genau dieses Jahr der Moment, u damit anzufangen wollt. In diesem Sinne: Macht euch einen guten Dezember. Einen, der zu euch passt.

Wir lesen uns im Januar wieder.

Eure Constanze

Literatur

  • American Psychological Association. (2015). Stress in America: Paying with our health. APA.
  • Bennett, A. A., Gabriel, A. S., Calderwood, C., Dahling, J. J., & Trougakos, J. P. (2016). Better together? Examining profiles of employee recovery experiences. Journal of Applied Psychology, 101(12), 1635–1654.
  • Block, R. A., Hancock, P. A., & Zakay, D. (2010). How cognitive load affects duration judgments: A meta-analytic review. Acta Psychologica, 134(3), 330–343.
  • Dai, H., Milkman, K. L., & Riis, J. (2014). The fresh start effect: Temporal landmarks motivate aspirational behavior. Management Science, 60(10), 2563–2582.
  • Harvard Medical School. (2016). Holiday stress and the brain.
  • Lerner, J. S., & Keltner, D. (2001). Fear, anger, and risk. Journal of Personality and Social Psychology, 81(1), 146–159.
  • McEwen, B. S. (1998). Protective and damaging effects of stress mediators. New England Journal of Medicine, 338(3), 171–179.
  • Peetz, J., & Wilson, A. E. (2013). Marking time: Selective use of temporal landmarks as reminders of past selves. Personality and Social Psychology Bulletin, 39(12), 1684–1695.
  • Zakay, D., & Block, R. A. (1997). Temporal cognition. Current Directions in Psychological Science, 6(1), 12–16.

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