Das „Wer kennt wen, der wen kennt?“-Prinzip hat schon so manche Wohnung gefunden, so manchen Job vermittelt und vermutlich diverse Lebensläufe in eine Richtung geschubst, die kein Fünf-Jahres-Plan je vorgesehen hätte. Manchmal beginnt etwas Neues nicht mit einer großen Entscheidung, sondern mit einem Satz wie: „Warte mal, ich kenne da jemanden.“
Genau daran musste ich denken, als ich neulich im Baby Got Business Podcast über Mark Granovetters berühmten soziologischen Artikel The Strength of Weak Ties gestolpert bin. Granovetters Grundidee: Lose Bekanntschaften sind oft besonders wertvoll, weil sie uns mit anderen sozialen Kreisen verbinden als unser enger Freundes- und Familienkreis. Über sie erreichen uns Informationen, Chancen und Perspektiven, die in unserem inneren Kreis vielleicht gar nicht auftauchen.
Granovetter untersuchte ursprünglich, wie Menschen – ehrlicherweise waren es Männer, das liegt aber ab der Zeit – an Jobs kamen. In seiner Befragung zeigte sich: Häufig waren nicht die engsten Beziehungen besonders hilfreich, sondern eher entfernte Bekannte und lockere Kontakte. Seine Erklärung: Diese Menschen funktionieren wie soziale Brücken. Sie führen aus der eigenen kleinen Informationsblase hinaus.
Und weil ich Psychologin und nicht Soziologin bin, interessiert mich daran vor allem die Frage welchen Einfluss lose Kontakte auf das Individuum haben.
Warum Nähe nicht immer Neues bringt
Enge Beziehungen sind natürlich super wichtig. Es gibt diese Menschen, bei denen passt der Satz: Du wirst immer meine beste Freundin bleiben. Du weisst zu viel». Solche Verbindungen geben Halt, emotionale Sicherheit, spenden Trost und geben manchmal genau die Erlaubnis, die man nach einem schlimmen Tag braucht, um auf dem Sofa herumzuliegen und sich ein bisschen selbst leid zu tun.
Aber enge Menschen bringen nicht immer Neues. Nicht, weil sie langweilig wären, sondern weil sie sich oft in ähnlichen Welten bewegen wie wir. Sie kennen ähnliche Menschen, haben Zugang zu ähnlichen Informationen und teilen häufig ähnliche Perspektiven. Das macht sie wunderbar für Nähe, aber nicht immer ideal, wenn es um neue Chancen oder andere Sichtweisen geht.
Lose Kontakte stehen ein Stück weiter draußen. Sie arbeiten in anderen Branchen, leben in anderen Städten oder Bubbles, kennen andere Menschen, lesen andere Dinge, hören andere Gespräche. Genau deshalb können sie etwas in unser Leben bringen, dass unser innerer Kreis manchmal nicht hat: Und dieser Unterschied kann der Trigger für Entwicklung sein.

Der Sweet Spot der losen Beziehung
Fast 50 Jahre nach Granovetters Originalarbeit wurde diese Idee in einer großen Studie, die im renommierten Wissenschafts-Journal «Science»in 2022 veröffentlich wurde aufgegriffen. Rajkumar und Kolleg:innen analysierten die Daten von mehr als 20 Millionen Personen auf LinkedIn und fanden einen U-förmigen Zusammenhang: Besonders hilfreich für neue Jobs waren nicht die allerengsten Kontakte, aber auch nicht völlig fremde Personen. Am wirksamsten waren eher moderat schwache Beziehungen. Also Menschen, die nicht zum innersten Kreis gehören, uns aber auch nicht komplett fremd sind. Es gibt also so etwas wie einen Sweet Spot der losen Beziehung.
Der größte berufliche Zufall kommt wahrscheinlich nicht von deiner besten Freundin. Aber vermutlich auch nicht von einer Person, die dir um 23:48 Uhr eine generische LinkedIn-Nachricht schreibt. Wahrscheinlicher ist, dass er von einer ehemaligen Kollegin kommt, die dich noch sympathisch findet. Von einem früheren Studienfreund, der inzwischen in einem anderen Feld arbeitet. Oder von einer losen Bekannten, die weiß, dass du gut mit Zahlen umgehen kannst, auch wenn ihr euch seit Jahren nicht gesehen habt.
Genau diese Menschen sind nah genug, um uns einschätzen zu können, aber weit genug weg, um Zugang zu anderen Möglichkeiten zu haben.
Micro-Kontakte machen glücklich
Lose Kontakte sind aber nicht nur für Jobs, Wohnungen und Projekte interessant. Die Psychologinnen Gillian Sandstrom und Elizabeth Dunn (2014) untersuchten, welchen Einfluss kleine Alltagskontakte auf unser Wohlbefinden haben. In einer Studie berichteten Menschen an Tagen mit mehr Interaktionen mit schwachen Kontakten mehr Glück und mehr Zugehörigkeitsgefühl.
Das kurze Gespräch mit dem Barista. Das Lächeln an der Bushaltestelle. Der nette Satz zur Nachbarin im Treppenhaus. Der kleine Austausch mit einer anderen Mutter auf dem Spielplatz. All das ist kein sozialer Kleinkram. Es sind kleine Signale, die uns daran erinnern: Ich komme in der Welt vor. Ich werde gesehen. Ich bin Teil eines größeren sozialen Gefüges.
Gerade in einer Zeit, in der viele Menschen sehr effizient durchs Leben gehen, geraten solche Mikro-Kontakte leicht unter die Räder. Wir bestellen online, arbeiten remote, tragen Kopfhörer, scannen QR-Codes und zücken in jedem Zwischenmoment das Handy. Effizienz ist praktisch. Aber manchmal frisst sie genau die kleinen sozialen Reibungen, die unseren Alltag menschlicher machen.
Vielleicht ist es also gar nicht immer die schlechteste Idee, nicht die SB-Kasse zu nehmen. Nicht sofort das Handy rauszuholen. Und ich weiss, das ist ein nicht immer ganz einfacher Vorsatz für Menschen, die gerne wie ich effizient unterwegs sind.

Menschen ohne alte Schubladen
Was ich an losen Kontakten außerdem spannend finde: Sie kennen uns oft weniger festgelegt. Unser enges Umfeld kennt unsere Muster, unser Verhalten und hat eine Geschichte mit uns. Lose Kontakte begegnen uns freier. Sie wissen nicht, dass wir «eigentlich immer so sind». Genau deswegen sprechen sie uns auf neue Rollen ein.
Sie sagen zum Beispiel, du arbeitest doch im Bereich xy, das ist super spannend. Könntest du dir vorstellen mal einen Vortrag darüber zu halten. Oder sie denken «du bist perfekt für dieses Projekt» und der eigene erste Gedanke ist «Wirklich?». Dadurch öffnen sich Wege die man selbst wahrscheinlich nicht eingeschlagen hätte und auch durchs nahe Umfeld nicht wahrscheinlich waren.
Das bedeutet: durch lose Kontakte bekommen wir nicht nur neue Informationen sondern eröffnen uns auch neue Facetten von uns selbst.
Kein strategisches Networking, sondern Offenheit
Natürlich kann man das alles sehr klassisch als Networking lesen. Pflege dein Netzwerk, optimiere deine Kontakte, schreibe drei Leuten pro Woche, damit irgendwann etwas dabei herauskommt. Wahrscheinlich ist das ist nicht grundsätzlich falsch, aber ehrlich gesagt auch ein bisschen anstrengend. Deutlich schöner und interessanter finde ich eine andere Betrachtungsart: Lose Kontakte sind nicht nur potentielle Ressourcen sondern sehr realistisch einfach ein grosser Teil unserer Alltags. Und dieser Kontakt macht viel mehr Spass, wenn man nicht im Hinterkopf hat, dass daraus die nächste Job Möglichkeit oder die nächste beste Freundin entstehen muss sondern einfach ein soziales Miteinander an dem man Spass haben kann. Den – mal ganz ehrlich – niemand hat Lust auf strategisches Netzwerken. Aber als soziale Wesen haben wir Freude an echtem Austausch. An Menschen, die einfach nett sind und die echtes Interesse zeigen.
Wenn am Schluss daraus entsteht: mega toll. Und wenn nicht, dann hatten wir wenigstens eine gute Zeit und hoffentlich ein paar schöne Micro-Momente.
Literatur
- Granovetter, M. S. (1973). The strength of weak ties. American Journal of Sociology, 78(6), 1360–1380. https://doi.org/10.1086/225469
- Rajkumar, K., Saint-Jacques, G., Bojinov, I., Brynjolfsson, E., & Aral, S. (2022). A causal test of the strength of weak ties. Science, 377(6612), 1304–1310. https://doi.org/10.1126/science.abl4476
- Sandstrom, G. M., & Dunn, E. W. (2014). Social interactions and well-being: The surprising power of weak ties. Personality and Social Psychology Bulletin, 40(7), 910–922. https://doi.org/10.1177/0146167214529799