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Psychologie

Die Psychologie des Klopapier-Kaufens

21. März 2020 By Constanze Leave a Comment

Klopapier als Sinnbild der Corona-Krise

Es ist Samstag, der 21.3.2020. Heute ist der erste Tag der Ausgangsbeschränkung in Bayern. Es gibt mittlerweile über 21.000 bestätige Fälle von Infizierten und 75 gemeldete Todesfälle und die Menschen kaufen Klopapier. In dieser Situation des maximalen Kontrollverlusts und der maximalen Unsicherheit und Veränderung wollen wir etwas tun, wir wollen unsere Kontrolle zurück. Handdesinfektionsmittel und Schutzmasken sind rare Güter und wer was tun will, wer gut für sich und seine Liebsten sorgen will, der kauft Klopapier. Klopapier als Metapher der Sicherheit und Sinnbild der Corona-Krise. Weiß, weich, reißest, vertraut.

Emotionen beeinflussen unsere Risikowahrnehmung

Es ist ok Angst zu haben. Wenn die Bundeskanzlerin der Nation sagt „es ist ernst“ und wir stünden der „größten Herausforderung seit dem zweiten Weltkrieg“  gegenüber und  zugleich an unsere Solidarität appelliert, dann löst das Emotionen aus. Völlig unabhängig davon wie ruhig sie dabei war. Psychologische Studien konnten zeigen, dass Emotionen die Risiko-Wahrnehmung beeinflussen (z.B. Slovic & Peters, 2006). Während Ärger die Wahrnehmung von Risiken verringert, passiert bei Angst genau das Gegenteil, das Risiko wirkt größer. Paul Slovic und seine Forscherkollegin Ellen Peters fanden zudem, dass dies besonders intensiv ist, wenn das Gefühl von Kontrolle und Selbstwirksamkeit gering ist und man mit bedrohlichen Berichten wie z.B. der Berichterstattung über Krankheit und Tod konfrontiert wird. Das klingt nach einer ziemlich adäquaten Beschreibung unserer aktuellen Situation, oder?

Individuelle Unterschiede und der need for cognitive closure

Wir Menschen haben einen „need for cognitive closure“ (Kruglanski, 2004). Wir streben danach Antworten auf Fragen zu finden und haben ein Bedürfnis danach Handlungen und Ereignisse geistig abzuschließen. Wir wollen wissen wie das Buch endet und der Cliff Hanger am Ende unserer Lieblingsserie verführt uns noch eine Folge anzugucken. Dieses Bedürfnis ist bei jedem Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt. Die aktuelle Situation ist daher natürlich besonders wenig zufriedenstellend. Wir haben keinen wirklichen Vergleichswert aus unserer Vergangenheit, sehr wohl aber Zugriff auf Simulationen einer exponentiell wachsenden Kurve, die uns dramatisch vor Augen führt, was passiert, wenn wir uns nicht endlich alle an die Regeln halten.

Wahrnehmen statt bewerten. Händewaschen und zu Hause bleiben

Die Frage ist nun, wie geht man mit diesen Gefühlen um, die die aktuelle Situation in uns auslöst? Emotionen bestehen aus verschiedenen Komponenten. Eine davon ist die körperliche Ebene. Man spürt wie sich der Puls beschleunigt, der Magen zusammenzieht und das Blut in den Ohren rauscht. Der erste Schritt ist dies wahrzunehmen und der nächste es zu bewerten, am besten ganz neutral, z.B. Aha, was gerade in der Welt passiert beunruhigt mich. Solche Gedanken sind gut, denn sie verschaffen Zeit. Zeit darüber nachzudenken wie man damit umgeht. Atmen hilft übrigens auch und verschafft Zeit. Der nächste Schritt ist diese Beunruhigung zu adressieren, ganz rational und sachlich mit seriösen Quellen. Sei es der wirklich tolle Podcast von Prof. Dr. Christian Drosten, Leiter der Virologie der Berliner Charité oder die seriösen Informationen der Behörden. Auch Gespräche mit anderen und das Gefühl sich ernst genommen und verstanden zu fühlen, aber bitte ohne Drama und Panik, helfen. Rational sein hilft. Und Händewaschen und daheim bleiben. Das ist das aller aller Wichtigste: Bleibt zuhause. Für euch und für alle Anderen.

 

Literatur

Kruglanski, A. W. (2004). The psychology of closed mindedness. New York: Psychology Press.

Slovic, P., & Peters, E. (2006). Risk perception and affect. Current directions in psychological science, 15(6), 322-325.

Webster, D. & Kruglanski, A. (1994). Individual differences in need for cognitive closure. Journal of Personality and Social Psychology, 67, 1049–1062. (Stangl, 2020).

 

 

 

Filed Under: Emotionen Tagged With: Angst, Coronoa, Covid19, Daniel sein, Hamsterkauf, Herdentrieb, Klopapier, Konsumentenpsychologie, Krise, Psychologie, Risikowahrnehmung, stayhome, stayinnstaysane

Mit Helm und ohne Gurt – Kartenspielen für die Wissenschaft

8. Dezember 2019 By Constanze Leave a Comment

Hier kommt Kurt. Ohne Helm und ohne Gurt. Einfach Kurt. Wenn Kurt – der Draufgänger – gewusst hätte, welchen positiven Effekt das Tragen eines Helms hätte, würde diese Songzeile sicher anders lauten. Psychologen der Universität Jena und der Universitiy of Victoria in Kanada konnten in einem Experiment zeigen, dass sich Probanden, die einen Fahrradhelm tragen, sicherer fühlen. Dies gilt auch in Situationen, in denen der Helm völlig nutzlos ist, wie z.B. bei einem Karten-Glücksspiel.

Kartenspielen im Labor

Die Psychologen um Barbara Schmidt ließen 40 Probanden ein Karten-Spiel am Computer spielen. Die Versuchsteilnehmer konnten bei jedem Zug zwischen einer Variante mit hohem Risiko und einer Variante mit niedrigem Risiko wählen. Alle Teilnehmer trugen während des Spiels EEG-Hauben um die Gehirnaktivität aufzuzeichnen. Die Hälfte der Probanden trug zusätzlich einen Fahrradhelm, angeblich um die EEG-Haube zu stabilisieren.

Spannenderweise unterschied sich die neuronale Aktivität der Helmträger von den Spielern, die keinen Helm auf hatten. Die Fahrrad-Helm-Gruppe zeigte signifikant weniger „Frontal Midline Theta Power“, eine spezifische Art der Gehirnaktivität, die mit dem Abwägen von Alternativen zu tun hat und daher klassischerweise beim Finden von Entscheidungen zu beobachten ist. Diese Unterschiede schlugen sich auch im Spielverhalten nieder. Die Gruppe mit Helm, spielte risikoreicher als die Vergleichsgruppe ohne Fahrradhelm.

Um auszuschließen, dass die Unterschiede in der Spielweise aus der Zusammensetzung der zufällig eingeteilten Gruppen herrührten, überprüften die Forscher, ob sich die Teilnehmer hinsichtlich ihrer generellen Ängstlichkeit unterschieden und ob sie vergleichbar viel Fahrrad fuhren. Beides war zufällig auf die Gruppen verteilt.

Rambo-Radler dank Helm?

Was heißt das nun übertragen auf den Alltag? Äußerst beachtlich ist, dass eine kleine Intervention wie das Tragen eines Fahrradhelms tatsächlich Gehirnaktivität beeinflussen kann. Will man es positiv formulieren ist es super, dass einem ein Helm ein solches Gefühl der Sicherheit gibt. Negativ gesehen, werfen die Ergebnisse dieser Studie die Frage auf, ob Radfahrer mit Helm risikoreicher fahren, da sie sich sicherer fühlen. Aufgrund der Ergebnisse dieser einen Studie wäre es töricht diese Frage mit „ja“ zu beantworten. Risikoverhalten beim Kartenspielen kann nicht einfach auf das Verhalten im Straßenverkehr übertragen werden. Bis es auch dafür Forschungsergebnisse gibt, gilt zweierlei. Erstens, immer mit Helm radeln, denn das gibt ein gutes Gefühl (und schützt!) und zweitens, auch mit Helm schön aufpassen und nicht übermütig werden.

 

Literatur

Schmidt et. al. (2019): Wearing a bike helmet leads to less cognitive control, revealed by lower frontal midline theta power and risk indifference, Psychophysiology, doi: https://doi.org/10.1111/psyp.13458

 

 

Filed Under: Allgemein, Erstaunliche Effekte, Tolle Effekte Tagged With: Aktuelle Forschung, EEG, Helm, Helmpflicht, Neurowissenschaft, Psychologie, Risikoverhalten, Risk taking

Haben Dinge eine Seele?

6. Januar 2019 By Constanze Leave a Comment

Oder warum Ausmisten oft so schwerfällt

Auch wenn ich wenig von Neujahrsvorsätzen halte, so ganz heimlich nehme ich mir doch manchmal etwas vor, z.B. weniger Plastik-Müll zu produzieren, minimalistischer zu leben oder besser Ordnung zu halten. Damit scheine ich nicht alleine zu sein. Pünktlich zum Neustart in 2019 hat Netflix eine neue Serie veröffentlicht „Aufräumen mit Marie Kondō“. Marie Kondō ist Profi-Aufräumerin. Ja, diesen Job gibt es. Sie hat ihn sozusagen selbst geschaffen. 2011 hat sie ihr erstes Buch The Life-Changing Magic of Tidying: A simple, effective way to banish clutter forever veröffentlicht und verspricht dabei mit Aufräumen Leben zu verändern. Das schien mir zuerst ein ähnlich fader Trick wie der Versuch von Müttern ihren Kindern Rosenkohl als kleine Fußbälle in Gemüseform näher zu bringen.

Verabschiede dich von Dingen, die dir keine Freude bringen

Marie Kondōs Maxime ist es nur Dinge zu behalten, die einem Freude bereiten. Sie sagt, es gehe nicht darum schonungslos Sachen auszusortieren, sondern die Dinge zu identifizieren, an denen man wirklich Freude hat. Daran musste ich denken als ich neulich meine Socken-Schublade aussortiert habe. Liebe Glitzersocken, ja, euch mag ich, ihr bringt mir Freude, genauso wie eure Kollegen mit den Punkten. Anders sieht es mit den seltsamen Kniestrümpfen aus, die ich noch nie wirklich mochte. Also weg damit. Halt, nicht so schnell. Frau Kondō rät sich von den auszusortierenden Gegenständen zu verabschieden. Dabei sei es wichtig sich dafür zu bedanken, dass die Dinge ihren Job getan haben wie z.B. die Füße warmgehalten haben. Klingt erstmal seltsam, aber Animismus(= das Beseelen von Dingen) ist in Japan ganz selbstverständlich.

Dinge haben eine Seele.

Dinge haben eine Seele. Das denken nicht nur Japaner, sondern auch die meisten Kinder sind davon überzeugt, dass es sich bei Objekten nicht nur um reproduzierbare Güter handelt. Die Psychologen Bruce Hood und Paul Bloom konnten das in einem cleveren Experiment nachweisen.

Sie präsentierten Kindern im Alter zwischen drei und sechs Jahren zunächst ihre „Kopiermaschiene“ (siehe Abb. 1) und zeigten ihnen was die Maschine Tolles kann. Legt man in die eine Kiste eine Tasse, macht die Klappe zu, lässt die Lämpchen blinken und wartet kurz, kann man – oh Wunder – aus der zweiten Kiste eine identische Tasse entnehmen. Die Kinder fanden das großartig und wussten natürlich nicht, dass die Wissenschaftler bereits eine Tasse in Kiste zwei versteckt hatten.

Die Kinder hatten jeweils Gegenstände mitzubringen, die sie gerne hatten, z.B. eine Kuscheldecke. Als Hood und Bloom nun die geliebten Gegenstände in die Kopiermaschiene legten, protestierten ein Viertel der Kinder und den neuen Gegenstand – anstatt des alten – mit nach Hause nehmen, wollte kaum jemand. Sie wollten IHRE Dinge zurück, auch wenn die schon angeschmuddelt oder abgenutzt waren.

 

Abb. 1. Die Kopiermaschiene von Hood und Bloom, Foto aus Hood & Bloom (2008)

 

Die geteilte Haarbürste

Eine Gruppe amerikanischer Wissenschaftler um Carol Nemeroff und Paul Rozin fragten ihre Versuchsteilnehmer wie es sich anfühlen würde eine fremde Haarbürste zu benutzen. Dabei erklärten sie den Studienteilnehmern entweder, dass die Bürste bereits von einem engen Freund, vom Partner oder der Partnerin benutzt worden wäre oder gar von einer Person, die man unsympathisch oder unappetitlich findet. Natürlich sei die Bürste vor der Übergabe gründlich gereinigt und desinfiziert worden.

War die gereinigte Bürste angeblich vorher von einem Freund oder Partner benutzt worden, beurteilten die Studienteilnehmer die Erfahrung als neutral. Ganz anders sah das aus, wenn die Bürste vorher angeblich von einer ungeliebten Person benutzt worden war. Dies wurde als hoch aversiv beurteilt.

Nun drehten die Wissenschaftler die Frage um: Würden die Versuchsteilnehmer die eigene – gereinigte und desinfizierte – Haarbürste weitergeben. Bei Freunden und Lebensabschnittsgefährten herrschte große Bereitschaft. Ganz anders sah das aber aus, wenn sie die Bürste an einen Kriminellen weitergeben sollte. Diese Vorstellung wurde als stark unangenehm beurteilt. Nur kurz zur Einordnung: Wir sprechen hier immer noch von einer Haarbürste. Deutlich stärker wird die Ablehnung, wenn man Probanden bittet sich vorzustellen ein Hemd anzuziehen, das früher Hitler gehört hat.

Offenbar sind Dinge für uns doch mehr als reine Sachgegenstände. Scheinbar bleibt eine Art „Essenz“ des Benutzers in den Gegenständen zurück und daher betrifft es sowohl den alten wie auch den neuen Besitzer, wenn ein Gegenstand bei einer neuen Person einzieht. Besitztümer erzählen eine Geschichte und zeugen von der eigenen Vergangenheit und bilden einen Teil der Identität. Marie Kondō würde daher argumentieren Aufräumen kann als Akt innerer Erneuerung verstanden werden.

Ordnung halten

Aufgeräumt zu haben, ist eine feine Sache und wenn es mal passiert ist, fühlt es sich ziemlich gut an. Leider ist dies meist ein Zustand von begrenzter Dauer. Folgerichtig heißt daher Marie Kondōs zweites Buch Wie Wohnung und Seele aufgeräumt bleiben. Vielleicht sollte ich mir das mal zulegen, Ordnung halten habe ich bisher auf Netflix noch nicht gelernt.

 

 

 

Literatur

Hood, B. M. & Bloom, P. (2008). Children prefer certain individuals over perfect duplicates. Cognition, 106, 455-462.

Rozin, P., Nemeroff, C., Wane, M., & Sherrod, A. (1989). Operation of the sympathetic magical law of contagion in interpersonal attitudes among Americans. Bulletin of the Psychonomic Society, 27(4), 367-370.

 

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Eine Frage des Timings

29. Juli 2018 By Constanze Leave a Comment

Was, wann und wie

Im Leben sind viele Dinge ungerecht verteilt. Bei einer Sache herrscht allerdings allumfassende Gerechtigkeit: Bei der Zeit. Jeder von uns – egal ob arm oder reich, alt oder jung, hübsch oder weniger attraktiv – hat gleich viel Zeit pro Tag zur Verfügung. Genau gesagt sind das 86.400Sekunden, 1.440 Minuten bzw. 24 h pro Tag. Entscheidend für Lebenszufriedenheit und Erfolg sind daher was man in diesen 24h wie macht und ganz wichtig auch wann.

Der japanische Autor Haruki Murakami beispielsweise steht an Schreibtagen um vier Uhr morgens auf. Danach geht es direkt für einige Stunden an den Schreibtisch. Nachmittags steht Sport an, gerne laufen oder schwimmen über lange Distanzen, danach ist Zeit für Erledigungen, Lesen und Musik hören. Um 21 Uhr geht pünktlich das Licht aus.

Vormittags ist die Stimmung besser

Menschen, die einem geregelten Bürojob nachgehen, haben oft nicht die Möglichkeit ihren Tagesablauf perfekt an ihre innere biologische Uhr anzupassen. Trotzdem bleibt einem bei der Tagesgestaltung, z.B. bei der Vereinbarung von Terminen, in der Regel ein gewisser Entscheidungsspielraum. Dass schlechtes Timing im schlimmsten Fall auch teuer werden kann, zeigt eine Studie der Arbeitsgruppe der University of Buffalo, New York (Chen, Demers, & Lev, 2013). Die Wirtschaftswissenschaftler analysierten Abschriften von mehr als 25.000 Telefonkonferenzen in denen Großinvestoren und Analysten von Aktiengesellschaften über wichtige Finanzdaten informiert wurden. Je später im am Tag die Gespräche geführt wurden, desto negativer war der Ton. Mit einer kleinen Ausnahme: Nach dem Mittagessen wurde die Stimmung kurzfristig wieder etwas positiver. Das überraschendste Ergebnis der Studie ist aber, dass die Wissenschaftler einen Zusammenhang zwischen Stimmung während der Telefonkonferenzen und Aktienkursen für die fünf Stunden nach den Gesprächen fanden. Nach nachmittäglichen Gesprächen mit negativer Stimmung reagierten auch die Aktienkurse mit einer negativen Entwicklung. Dieser Zusammenhang bestand auch, wenn Faktoren wie finanzielle Gesamtlage der entsprechenden Industrie und Berichterstattung in den Medien berücksichtigt wurden.

Termine zur gewohnten Zeit

Eine weitere nützliche Erkenntnis der Studie war, dass der stärkste Prädiktor für einen Termin, der Zeitpunkt des vorangegangenen Termins war. Das kann man sich einfach zu Nutze machen und mit wichtigen Ansprechpartnern daher immer am besten Termine vor 11 Uhr ausmachen. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass auch potentielle kritische Termine am Vormittag stattfinden werden. Um diese Zeit ist nicht nur die Stimmung noch freundlicher, sondern mit hoher Wahrscheinlichkeit auch der Glucose-Spiegel noch höher. Denn das ist auch ganz entscheidend für den Ausgang von wichtigen Entscheidungen (Danziger, Levav, & Avnaim-Pessoa, 2011).

 

Literatur

Chen, J., Demers, E., & Lev, B. (2013). The Dangers of Late-Afternoon Earnings Calls.Harvard Business Review.

Danziger, S.; Levav, J.; Avnaim-Pessoa, L. (2011). Extraneous factors in judicial decisions. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, Vol. 108(17), 6889-6892.

 

 

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Anfang gut, Ende gut, Trinkgeld gut.

31. März 2018 By Constanze Leave a Comment

Es ist Dienstag 6.45 Uhr morgens irgendwo in einer Ranger-Station im Kibale Forest National Park, Uganda. Zu viert lauschen wir – mit Trekkingkleidung und Kameras ausgerüstet – aufmerksam dem Briefing. Unser Guide Gordon verkündet uns, dass wir „very lucky“ sind, denn heute „will your dream come true“. Ein gewagtes Versprechen wie mir scheint, aber ich bin gerne gewillt das zu glauben.

Der Plan für heute: Schimpansen Habituation. Übersetzt heißt das, wir werden den ganzen Tag kreuz und quer durch den Regenwald stapfen und wilde Schimpansen suchen, die sich an Menschen gewöhnen sollen.  Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Es kann bis zu 10 Jahre dauern, in denen die Affen täglich von Menschen besucht werden, bis sie die menschliche Nähe tolerieren. Die Familie, die wir besuchen wollen wird erst seit kurzem an Menschen gewöhnt.

Guide Gordon hatte wohl keine psychologische Schulung, hat aber bereits alles richtig gemacht. Durch seine gewagte Ankündigung ist unsere Begeisterung geweckt. Dass ich mich noch so gut an das Gesagte erinnern kann, ist dem Primacy-Effekt (deutsch: Primäreffekt) zu verdanken. Unser Gedächtnis kann sich Dinge, die z.B. zu Beginn eines Vortrags gesagt werden oder ganz oben auf einer Liste stehen besonders gut merken.

Guide Gordon, bewaffnet mit Handy, Kalaschnikow und Turnbeutel, bereit für einen langen Tag im Regenwald.

Kurz zusammengefasst ist in den darauf folgenden 10h Folgendes passiert: Nach circa 40 min Fußmarsch entdeckten wir einen großen Feigenbaum auf dem vier Schimpansen saßen. Allerdings in etwa sieben Meter Höhe, was das Fotografieren und Beobachten schwierig machte. Was ich dabei aber gelernt habe, ist, dass Schimpansen eine sehr aktive Blase haben und in der Nähe des Feigenbaums daher immer die Gefahr von „goldenem Regen“ herrscht. Im Verlauf des weiteren Tages sind wir einer Schimpansen-Familie quer durch den Regenwald hinterhergerannt, Ameisenattacke und tropischen Platzregen inklusive. Auch wenn wir nur immer kurz etwas von einzelnen Schimpansen erspähen konnten, war das ein ziemlich eindrucksvolles Erlebnis. Die nahen Schreie mit denen sie untereinander kommunizieren, den kurzen Anblick wie sich ein Schimpanse durch den Baum schwingt und das aufregende Gefühl ganz nah dran zu sein.

Gegen 17 Uhr näherten wir uns wieder unserem Ausgangspunkt. Gordon, der die letzten Stunden recht schweigsam war, meldete sich wieder zu Wort. Charmant erzählte er uns noch ein wenig über die Spezies Schimpanse, ließ unseren Tag Revue passieren und lobt, dass wir so gut durchgehalten hätten. Nein, nein, das könne er nicht mit jeder Gruppe machen, so fit müsse man erst mal sein. Ob dieses Kompliment nun ernst gemeint war, oder nicht, wir freuten uns natürlich über das Lob. Psychologisch war das wieder sehr schlau. Gordons zweiter Coupé ist dem Recency-Effekt (deutsch: Rezenzeffekt) zu verdanken. Neben Anfängen bleiben auch Enden besonders gut im Gedächtnis. Dies gilt für Vorträge, genauso wie für mündliche Prüfungen, aber auch für Einkaufslisten, die zuhause vergessen wurden. Ist das Einstiegsthema der Prüfung gut vorbereitet und wird die letzte Frage souverän beantwortet, gibt es mit hoher Wahrscheinlichkeit eine gute Note, selbst wenn es in der Mitte der Prüfung etwas zäher war. Genauso schaffen es auch ohne Einkaufszettel sehr wahrscheinlich die ersten und letzten Items der Liste in den Einkaufskorb, während der Puderzucker, der in der Mitte stand, vergessen wird.

Zwei Wochen später sollte mein Traum doch noch wahr werden. Allerdings handelt es sich hier um einen gerettet Schimpansen, der an Menschen gewöhnt ist.

Am Ende sind wir vier glücklich, auch wenn zumindest meine Traumvorstellung nicht zu 100% erfüllt wurde, wie er uns zu Beginn versprochen hat. Dafür hätte ich das in meiner naiven Vorstellung alles gerne ein wenig näher und zutraulicher gehabt. Vielleicht eine Mama und ihr Baby, die wir beobachten können oder ein draufgängerischer Schimpansen-Halbstarker, der sich in unsere direkte Nähe traut. Trinkgeld kriegt Guide Gordon trotzdem. Er hat sich ja Mühe gegeben, zumindest am Anfang und am Ende.

 

 

 

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Moral Licensing – machen uns Bioläden zu Egoisten?

17. November 2017 By Constanze Leave a Comment

Nach einem Biomarkt-Einkauf handeln Menschen weniger altruistisch. Was nach einer absurden These klingt, ist nicht etwa eine schlechte Schlagzeile, sondern das Ergebnis einer Studie der kanadischen Wissenschaftler Nina Mazar und Chen-Bo-Zhong. In ihren Studien konnten sie zeigen, dass Probanden, die sich mit ökologischen Produkten auseinandersetzen mussten, im Folgenden weniger altruistisch handelten und eher bereit waren zu stehlen und zu betrügen. Es sei an dieser Stelle erwähnt, dass die Versuchsteilnehmer nach dem Anblick von Bioprodukten natürlich nicht von Paulus zu Saulus mutierten, dass aber ihre Bereitschaft unanständige Sachen zu machen im Mittel zumindest statistisch signifikant höher war.

Moral Licensing

Wie erklärt man sich solch schräge Effekte? Tatsächlich gibt es eine recht große Anzahl an Studien, die diesen sogenannten Moral Licensing-Effekt finden können. Dieser Effekt beschreibt die Tendenz, dass Menschen positive und moralisch wünschenswerte Verhaltensweisen als Legitimation dafür nützen, auch mal über die Stränge zu schlagen. Heißt übertragen auf den Alltag, wenn ich schon im Biomarkt einkaufe, kann ich auch mit dem SUV fahren oder als Vegetarier kann man im Urlaub auch mal nach Kenia fliegen, statt in Kaiserslautern die viel gelobten schönsten Tage des Jahres zu verbringen. Natürlich könnte man hier nun mit CO2 Rechnungen nachprüfen ob X Jahre Vegetarismus tatsächlich eine Flugreise wieder reinrechnen, aber dies möchte ich allen Lesern an dieser Stelle ersparen.

Das mentale Girokonto

Psychologen und Ökonomen erklären den Effekt folgendermaßen: Jeder Mensch verfügt über eine Art mentales Girokonto. Kaufen wir Biogurken statt normalen, holen wir unser Müsli aus dem Unverpackt-Laden oder reisen mit der Bahn, sammeln wir Punkte für unser Moral-Konto. Ist auf unserer Habenseite genug angespart, tut es auch nicht weh die ökologische Wildsau raushängen zu lassen. Dabei stellen wir die mahnende Stimme in unserem Kopf gerne mit „niemand ist perfekt“ und ich mach doch eh so viel für die Umwelt“ still.

Werte fördern konsequentes Verhalten

Sind nun alle passionierten Radfahrer, Veganer und Unverpackt-Laden-Einkäufer eigentlich die schlechteren Menschen? Nicht unbedingt, denn es gibt Hoffnung. In Studien konnte gezeigt werden, dass sich Menschen moralisch konsequenter verhalten, wenn die Handlung mit den eigenen Werten überlappt (Mullen & Monin, 2016). Das bedeutet, wenn sich Menschen moralisch verhalten, weil sie von einer Sache fest überzeugt sind, z.B. dass Bahnfahren die bessere Art der Fortbewegung auf langen Strecken ist, dann wird es sehr viel wahrscheinlicher, dass sich diese Personen auch in Zukunft so verhalten werden und nicht in einem anderen Bereich über die Stränge schlagen müssen.

Noch ein kleines PS: Dieser Beitrag ist auf einer sechsstündigen Bahnfahrt entstanden, kurz nachdem ich ein veganes Curry –  leider in der Einwegverpackung – gegessen habe. Ich fühle mich ertappt.

 

Literatur

Mazar, N., & Zhong, C. B. (2010). Do green products make us better people? Psychological Science, 21, 494-498.

Mullen, E., & Monin, B. (2016). Consistency versus licensing effects of past moral behavior. Annual Review of Psychology, 67, 363-385.

 

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Der schlaue-Mädls-Effekt oder wie wichtig das richtige Mindset ist

12. November 2017 By Constanze 2 Comments

Eine gewisse Grundintelligenz schadet sicher nicht um im Leben zurecht zu kommen, das ist wohl unbestritten. Der Durchschnittswert in der Gesamtbevölkerung liegt bei einem IQ von 100 und laut medizinisch-psychologischen Kriterien leiden Menschen mit einem IQ von unter 70 an Oligophrenie. Oligophrenie ist übrigens ein wunderbarer Begriff für „nicht die hellste Kerze auf der Torte“ zu sein. Ab einem IQ von unter 50 wird es übrigens für Menschen mit dem selbstständigen Überleben und dem Meistern des Alltags schwierig.

Nun gibt es diese objektive Zahl, die von Intelligenz-Tests gemessen wird, daneben ist aber auch extrem wichtig was man selbst über das Konzept Intelligenz denkt. Genau dieses Mindset führt dazu, dass manche Menschen bei Schwierigkeiten am liebsten sofort aufgeben, während andere Spaß am Tüfteln haben. Carol Dweck, Professorin an der University of Stanford erforscht seit über 15 Jahren die Mindsets von Kindern und Erwachsenen. Sie kam zu dem Schluss, dass man entweder ein fixed Mindset oder ein growth Mindset haben kann.

Mindset

In Mathe bin ich Deko

Schüler, die T-Shirts wie „in Mathe bin ich Deko“ tragen, haben mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit ein fixed Mindset. Das bedeutet, dass sie manche Fähigkeiten als unveränderlich bzw. gewissermaßen für gottgegeben halten. Genau diese Einstellung ist fatal, wer denkt „Mathe check ich eh nie!“ bzw. „Dafür habe ich einfach kein Talent!“ wird tatsächlich nie gut in Mathe sein.

I can and I will

Ganz anders sieht das bei Menschen aus, die ein growth Mindset haben. Auch diesen Menschen passiert es, dass sie z.B. eine schwierige Rechenaufgabe nicht lösen können. Allerdings denken diese Menschen sich „ich kann sie noch nicht lösen“. Hierbei ist die Zauberformel noch nicht. Denn ein growth Mindset zu haben, bedeutet, dass man weiß und fest davon überzeugt ist, dass sich die meisten Dinge auf dieser Welt erlernen lassen. Häufig bedeutet das unzählige Stunden an Training oder Übung, aber es ist machbar. Denken Sie nur mal an Leistungssportler. Kein Turner konnte all die artistischen Verrenkungen auf dem Boden oder am Gerät von Geburt an. Rein theoretisch könnte z.B. ich das auch können. Allerdings muss ich zugeben, dass ich beim Thema grazile Beweglichkeit selbst ein fixed Mindset habe. Wäre ich aber schon von frühster Kindheit an ins Turnen gegangen, würde die Sache jetzt ganz anders aussehen. Wichtig ist aber, dass ich theoretisch immer noch wahnsinnig viel in diese Richtung lernen könnte. Einen Handstand oder Spagat kann man – mit fleißigem Üben – auch jenseits der 25 noch lernen.

Das Mindset ändern

Die gute Nachricht ist, dass man Mindsets ändern kann. Bei Kindern und Jugendlichen sind hierfür natürlich vor allem Eltern, Lehrer und andere Bezugspersonen wichtig. Sehr fatal ist es Kinder dafür zu loben, dass sie z.B. so klug sind. Denn wenn man eine Sache gut macht, weil man angeblich „so ist“, bedeutet das auch, dass man daran wenig ändern kann. Wer ein fixed Mindset hat, will häufig am liebsten keine Fehler machen um gut dazustehen. Denn was würden die anderen denken, wenn mal was nicht klappt? Würde das bedeuteten, dass man doch nicht so klug, begabt etc. ist?

Ganz anders ist es, wenn Kinder z.B. für ihre Anstrengung gelobt werden und ihnen deutlich gemacht wird, dass Fehler eine großartige Chance sind um zu lernen. Dadurch lernen Menschen, dass sie so ziemlich alles erlernen können und sich immer weiterentwickeln können, wenn sie nur ausreichend viel Arbeit und Herzblut reinstecken.

Der schlaue-Mädls-Effekt (engl. bright-Girl-Effekt)

Fatalerweise sind vor allem schlaue Mädls besonders anfällig für ein fixed Mindset. Zum einen konnten Studien zeigen, dass Frauen häufig einen wenig selbstwertdienlichen Attributionsstil haben. Erleben sie einen Erfolg, schieben sie es oft auf die Umstände. Klappt jedoch mal etwas nicht, wird der Misserfolg gerne auf persönliches Versagen zurückgeführt. Oft trauen sich diese Mädchen dann nicht herausfordernde Aufgaben anzugreifen, weil sie Angst vor dem Scheitern haben. Mögliche Gründe dafür sind, dass Mädchen früher als Jungen über recht gute Selbstkontroll-Strategien verfügen und dadurch oft in der Schule weniger rumhampeln und braver lernen als gleichaltrige Jungs. Sie werden dann dafür gelobt, dass sie so klug und so brav sind. Schafft es ein Junge hingegen mal ordentlich still zu sitzen und anständig seine Übungsaufgaben zu machen, kriegt er die Rückmeldung „Schau, die Übungsaufgaben waren doch gar kein Problem, wenn man sich ein wenig anstrengt“.

Teste dein Mindset

Allen die nun wissen wollen, was für ein Mindset sie selbst haben, sei dieser Link empfohlen. Ausserdem ist auch das Buch von Carol Dweck sehr lesenswert. Hier einmal auf Deutsch und hier auf Englisch.

Übrigens scheint auch die Geschichte Carol Dweck rechtzugeben: Viele große Erfinder, die für ihre genialen Ideen in die Geschichte eingegangen sind, sind zuvor unzählige Male gescheitert. Thomas Alva Edison, der Erfinder der Glühbirne, soll angeblich über 1000 Modelle gebaut haben, bis er endlich eine funktionierende Glühbirne gebastelt hat. In Anbetracht dessen, werde ich mir jetzt gleich mal auf YouTube ein paar Handstand-Tutorials ansehen. Denn ich glaube fest daran, wenn ich fleißige übe, wird das irgendwann doch noch was mit dem Handstand und mir.

 

 

Literatur

Dweck, C. S. (2000). Self-theories: Their role in motivation, personality, and development. New York: Psychology Press.

Dweck, C. S. (2006). Mindset: The new psychology of success. New York: Penguin Random House.

Dweck, C. S. (2007). Is math a gift? Beliefs that put students at risk. In S. J. Ceci, & W. Williams (Eds.), Why aren’t more women in science? Top researchers debate the evidence. Washington, DC: American Psychological Association.

Halvorson, H. G. (2011). The trouble with bright girls. Retrieved from www.

psychologytoday.com/blog/the-science-success/201101/the-trouble-bright-girls.

Licht, B. G., & Dweck, C. S. (1984). Determinants of academic achievement: The interaction of children’s achievement orientations with skill area. Developmental Psychology, 20, 628–636.

Licht, B. G., & Shapiro, S. H. (1982). Sex differences in attributions among high achievers. Presented at the meeting of the American Psychological Association, Washington, D. C.

N. Macnamara & N. S. Rupani (2017). The relationship between intelligence and mindset. Intelligence 64, 52-59.

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Von Keksen und Radieschen: So klappt es mit der Selbstkontrolle

8. Oktober 2017 By Constanze Leave a Comment

Psychologen überlegen sich manchmal lustige Studien. Stellen Sie sich bitte Folgendes vor: Sie haben sich für eine psychologische Studie angemeldet. Als Sie den Laborraum betreten, steigt Ihnen sofort der großartige Geruch frisch gebackener Kekse entgegen und lässt Ihnen das Wasser im Mund zusammenlaufen. Die freundliche Versuchsleiterin bittet Sie an einem Tisch Platz zu nehmen auf dem bereits ein Teller mit duftenden Keksen und ein Teller mit Radieschen steht. Voller Vorfreude auf die Studie lauschen Sie den Instruktionen der Versuchsleiterin, die Ihnen zu ihrem Entsetzen erklärt, dass es in der Studie um die Verkostung von Radieschen geht. Sie bittet Sie außerdem nachdrücklich die Kekse NICHT anzurühren. Aber keine Sorge, dafür dürfen Sie von den Radieschen so viele essen wie sie wollen. Guten Appetit! Na, wie fühlt sich das an? Wenn Sie diesem Gedankenexperiment gefolgt sind, haben Sie nun eine gute Vorstellung wie sich die Hälfte der Studienteilnehmer von Roy Baumeister und seinen Kollegen (1998) gefühlt hat. Die andere Hälfte der Teilnehmer hatte mehr Glück und erhielt die Instruktion, dass sie so viele Kekse essen dürfen wie sie wollen, da es in der Studie um die Verkostung und Bewertung von Keksen gehe. Die Teilnehmer mampften darauf hin fröhlich los, alles für die Wissenschaft.

Kekse förderten das Durchhaltevermögen

Im Anschluss an den Geschmackstest wurden den Studienteilnehmern (unlösbare) Anagramme ausgeteilt mit der Bitte diese zu lösen. Die Teilnehmer wussten nicht, dass es vergebene Mühe ist sich mit den Anagramen zu beschäftigen und machten sich munter an die Sache. Für die Wissenschaftler war nun interessant wie lange die Teilnehmer versuchten die Aufgaben zu lösen und wie lange es dauerte bis sie aufgaben. Das Ergebnis der Studie war, dass die Keks-Gruppe wesentlich länger dranblieb als die Radieschen-Gruppe. Das Ergebnis erklärten Baumeister und seine Kollegen sich so, dass die Radieschen-Gruppe schon bei der Verkostung sehr viel Selbstkontrolle aufbringen musste um nicht schwach zu werden und nach den Keksen zu greifen. Daher hatten sie für die Anschluss-Aufgabe einfach kaum mehr Selbstkontroll-Kapazität über und gaben schneller auf. Die Keks-Gruppe hingegen musste während der Verkostung ihre Selbstkontroll-Ressourcen nicht angreifen und hielt daher bei der frustrierenden Anagram-Aufgabe länger durch.

Selbstkontrolle

Die „vernünftigere“ Entscheidung zu treffen, ist oft hart…

Selbstregulatorische Erschöpfung

Baumeister nannte diesen Effekt selbstregulatorische Erschöpfung (auf englisch ego depletion) und vergleicht die Selbstkontrolle mit einem Muskel, der nur über begrenzte Möglichkeiten verfügt, aber natürlich auch trainiert werden kann. Dieser Effekt ist ziemlich einleuchtend und wohl jeder, der bereits versucht hat, in einer stressigen Arbeitsphase noch Diät zu halten und fleißig Sport zu machen, kennt das Gefühl der selbstregulatorischen Erschöpfung, wenn die Couch einfach attraktiver ist als das Fitnessstudio. Auch für die Tafel Schokolade als Abendbegleitung gibt es eine wissenschaftliche Erklärung. Baumeister war überzeugt, dass Glukose hilft den Selbstkontroll-Speicher wieder aufzufüllen.

Einerseits klingt es sehr einleuchtend, dass Selbstkontrolle begrenzt ist und bietet eine super Rechtfertigung für einen gemütlichen Couchabend. Tatsächlich deuten neuere Studien aber darauf hin, dass der Glaube an die begrenzte Ressource Selbstkontrolle erst zur selbstregulatorischen Erschöpfung führt (z.B. Hofmann, Baumeister, Förster, & Vohs, 2012; siehe auch Inzlicht, in press).

Gewohnheiten helfen

Der Kölner Psychologie Professor Wilhelm Hoffmann konnte bereits 2012 in einer großen Studie zeigen, dass Probanden, die sich selbst hohe Selbstkontrolle als Wesensmerkmal bescheinigten tatsächlich weniger Versuchungen erlagen. Allerdings nicht, weil sie so diszipliniert waren, sondern weil sie Versuchungen systematisch aus dem Weg gingen und erwünschtes Verhalten zur Routine werden ließen. Wenn man Dienstagsabend immer zum Schwimmen geht, dann kostet es viel weniger Kraft seine Schwimmsachen zu packen, als wenn man nur diesen einen Mittwoch einen Besuch im Schwimmbad plant. Erfolgreiche Selbstkontrolleure machen außerdem ihr Umfeld zu Komplizen. Wer Diät hält, sollte dies an seine Freunde kommunizieren, dann ist auch die Wahrscheinlichkeit geringer, dass sie beim nächsten Besuch mit der Familien-Packung Chips vor der Tür stehen.

Außerdem helfen wenn-dann-Sätze, wie sie Peter Gollwitzer von der Universität Konstanz seit langem erforscht. Diese konkreten Vorsätze wappnen einen bereits im Vorfeld gegen potentielle Versuchungen. Wer sich vornimmt „wenn ich Samstagmorgen aufwache, ziehe ich sofort meine Laufsachen an und jogge 30 min“ wird dies wahrscheinlicher umsetzen als wenn der Vorsatz lautet „am Wochenende gehe ich eine Runde joggen“.

Der innere Schweinehund ist ein Gewohnheitstier

Zusammengefasst heißt das, dass disziplinierte Menschen nicht besser darin sind Versuchungen auszuschlagen, sondern dass sie sehr gut darin sind, Versuchungen zu vermeiden. Ein zweites Stück Kuchen zu essen, das schon auf dem Tisch steht ist keine moralische Verfehlung. Es ist in dieser Situation die wahrscheinlichste Handlung der meisten Menschen. Daher sind die beiden besten Tricks für mehr Selbstkontrolle: Erstens, Versuchungen erst gar nicht aufkommen zu lassen und zweitens alles was man nicht gerne macht zu automatisieren. Denn auch der innere Schweinehund ist ein Gewohnheitstier.

 

Literatur

  • Baumeister, R. F., Bratslavsky, E., Muraven, M., & Tice, D. M. (1998). Ego Depletion: Is the Active Self a Limited Resource? Personality Process and Individual Differences, 74, 1252–
  • Hofmann, W., Baumeister, R. F., Förster, G., & Vohs, K. D. (2012). Everyday temptations: An experience sampling study of desire, conflict, and self-control. Journal of Personality and Social Psychology, 102, 1318–1335.
  • Gollwitzer, P. M. (1990). Action phases and mind-sets. In E. T. Higgins & R. M. Sorrentino (Eds.), The handbook of motivation and cognition: Foundations of social behavior (Vol. 2, pp. 53-92). New York: Guilford Press.

Michael Inzlicht: siehe http://michaelinzlicht.com/publications/articles-chapters/ dort gibt es viele spannende Literatur, teilwei

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Der Zeigarnik-Effekt –Stress durch unerledigte Dinge

17. September 2017 By Constanze Leave a Comment

Es gibt so Tage an denen wurstelt man den ganzen Tag eifrig vor sich hin, arbeitet Sachen ab, erledigt ganz viele kleine Dinge und am Ende des Tages fragt man sich „Wo ist dieser Tag hin und was habe ich heute eigentlich gemacht und geschafft?“. Solche, nicht sehr angenehmen Gedanken, sind dem Zeigarnik-Effekt geschuldet. Der Effekt besagt, dass wir uns kaum an abgeschlossene, aber an offene nicht beendete Aufgaben extrem gut erinnern. Benannt ist der Effekt nach der russischen Psychologin Bljuma Wulfwna Seigarnik.

Der Schreibtisch quillt über, der Kopf ist voll, das Stresslevel hoch und am Abend fühlt es sich trotzdem nach einem umerfolgreichen Tag an? Schuld daran ist der Zeigarnik-Effekt.

Der Kellner mit dem unglaublichen Gedächtnis

Angeblich saß Bljuma Wulfwna Seigarnik in den 20er Jahren in Berlin in einem Kaffee und beobachtete interessiert einen Kellner, der scheinbar ein unglaubliches Gedächtnis hatte. Im Café herrschte reger Betrieb, doch der Kellner vergaß keine einzige Bestellung und brachte jedem Gast das richtige Getränk, Tortenstück oder Sandwich. Als Bljuma Seigarnik ihn fragte, ob er sich denn an die bereits servierten Bestellungen erinnern könne, zuckte der Kellner nur mit den Achseln und konnte kaum eine der Bestellungen richtig wiedergeben. Fasziniert von dieser Beobachtung fing Bljuma Seigarnik an zu forschen und stellte schnell fest, dass es sich hierbei anscheinend um ein allgemeingültiges Phänomen handelt.

Unvollendete Aufgaben werden besser im Gedächtnis behalten als vollendete.


Eigentlich ist das eine ziemlich gute Marotte unseres Gedächtnisses. Wir haben einen inneren Drang Aufgaben zu Ende zu bringen und an die offenen Punkte auf unserer To Do-Liste zu denken. Auch Drehbuchautoren machen sich diesen Effekt zu Nutze und verschachteln die parallelen Handlungsstränge auf eine Art und Weise, dass immer mindestens ein Handlungsstrang auf die Auflösung wartet. Ein Kniff den viele Serien mit dramatischen Cliffhangern am Ende der einzelnen Folgen perfektioniert und dadurch einen regelrechten Suchtfaktor haben.

So praktisch das alles zu sein scheint, hat der Zeigarnik-Effekt auch seine Schattenseiten. Diese Schattenseiten haben wohl die meisten von uns schon einmal zu spüren bekommen, z.B. Sonntagabends wenn man sich im Gedanken an die neue Woche mit all ihren Terminen, To-Dos und Aufgaben unruhig im Bett wälzt und nur schwer zur Ruhe kommt (Syrek, Weigelt, Peifer, & Antoni, 2017).

Die gute alte To Do- Liste

Tatsächlich kann die gute alte To Do-Liste helfen sich von dem Stress der durch die vielen unerledigten Dinge in unserem Kopf entsteht frei zu machen. Zum einen muss man nicht mehr an alles denken, wenn es bereits niedergeschrieben ist. Das Aufschreiben ist sozusagen der erste Schritt zur Erledigung der Aufgabe. Zum anderen sehen wir alle Dinge, die wir bereits erledigt haben, weil sie auf der Liste abgehakt oder durchgestrichen sind. Aus diesem Grund sammle ich vor allem in stressigen Phasen gerne meine alten To Do-Listen in einem Ordner. So sieht man schwarz auf weiß was man in letzter Zeit alles geschafft hat. Noch ein Tipp: Multitasking macht alles noch viel schlimmer. Wenn wir mehrere Aufgaben gleichzeitig angehen öffnen wir mehrere mentale Schubladen und fühlen uns gleich noch gestresster. Also gerade in Phasen mit starker Arbeitsbelastung lieber eine Aufgabe nach der anderen abarbeiten.

 

Literatur

Syrek, C. J., Weigelt, O., Peifer, C. & Antoni, C. H. (2017). Zeigarnik’s sleepless nights: How unfinished tasks at the end of the week impair employee sleep on the weekend through rumination. Journal of Occpuational Health Psychology. 22, 225-238.

 

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Verschlankung

19. Juli 2017 By Constanze Leave a Comment

Schlank ohne Kalorienzählen und intensive Sporteinheiten. Klingt großartig und funktioniert, wie ich aus eigener Erfahrung berichten kann. Allerdings geht es in diesem Schlankheits-Projekt nicht um Körperumfänge und Kilos, sondern um Besitztümer und einen schlanken Haushalt. Aus ziemlich aktuellem Anlass – ich ziehe um – frage ich mich aktuell sehr oft „brauch ich das noch“ bzw. „will ich dies oder jenes nochmal umziehen“. Obwohl ich generell eher an Dingen hänge und Minimalismus nicht wirklich meine Stärke ist – jeder, der bereits mein Reisegepäck gesehen hat – kann das bestätigen, habe ich das Gefühl zu viele Dinge zu besitzen. Ein Gefühl, das jeder, der umzieht, wohl nur zu gut kennt.

Minimalismus

Eine Probesitzung

Daher wird aktuell aussortiert, verkauft und gespendet was ich ungerne quer durch die Republik ziehen will. Dabei macht man auch immer wieder interessante Begegnungen. Diese Woche zum Beispiel. Online habe ich meine neun Jahre alte IKEA-Couch für recht wenig Geld zum Verkauf angeboten. Die Interessenten meldeten sich zahlreich und aus Fairness-Gründen wollte ich die Couch der Dame geben, die mich zuerst kontaktiert hat. Das war vor drei Wochen, die Couch steht immer noch bei mir. Allerdings sind wir schon einen Schritt weiter. Die junge Frau war letzte Woche zu Besuch, sie wollte gerne „probesitzen“. Gute Frau, was erwarten Sie von einer betagten IKEA-Couch zum Schnäppchenpreis? Am Dienstag war es soweit. Es klingelte an der Tür und da standen zwei junge Frauen. Klar, ein zweites Urteil beim Probesitzen von gebrauchten IKEA Polstermöbeln ist immer eine gute Idee. So saßen die beiden circa 15 Minuten auf meiner Couch und haben den Sitzeindruck auf sich wirken lassen, während ich das Möbelstück angepriesen habe. Am Ende stand fest, die Couch soll es sein. Abholen will die Käuferin sie nächste Woche, da bringt sie auch das Geld mit. Hoffentlich.

Mein neues Hobby: Bücher verkaufen

Außerdem habe ich ein neues Hobby: Mit der Momox-App Strichcodes von Büchern, CDs und Co. einscannen und mich manchmal freuen, eher aber wundern was man dafür noch kriegt. Um zu hohen Erwartungen vorzubeugen. Mein bisher bester Treffer war ein Kochbuch, das mir 8.45 EUR einbrachte. Bücher, die mal auf einer Bestseller-Liste waren, bringen ca. 15 Cent. Die erste Reaktion bei mir war Trotz, für so wenig Geld gebe ich das gute Buch dann auch nicht her. Die zweite Reaktion war schon rationaler und das Buch wanderte doch in die Kiste. Ein Teil weniger. Ein gutes Gefühl und besser als wegschmeißen.

Der Endowment-Effekt

Wären wir Menschen reine homo oeconomicus, wäre die Sache ganz klar. Dinge, die man nicht mehr will herzugeben und nur ein wenig Geld dafür zu bekommen, ist besser als sie zu behalten. Allerdings sind Menschen beim Verkauf von Dingen nicht rational. Objekten, die wir besitzen sprechen wir mehr Wert zu als Dingen, die wir nicht besitzen. vor allem wenn sie einen emotionalen Wert für uns haben. Das nennt man den Endowment-Effekt, zu Deutsch den Besitztumseffekt und ist seit den 80er Jahren bekannt.

Der Psychologe Daniel Kahnemann und seine Kollegen teilten Studenten in zwei gleich große Gruppen ein. Eine Gruppe bekam eine Tasse geschenkt (die Verkäufer), die andere Gruppe erhielt kein Geschenk (die Käufer). Nun sollten die Verkäufer angeben, für welchen Betrag sie die Tasse verkaufen würden und die Käufer sollten festlegen was sie bereit wären für die Tasse zu zahlen. Die Verkäufer wollten im Mittel 7$ für ihr Tasse, während die Käufer im Durchschnitt nur bereit waren 3$ dafür zu zahlen.

Verlust tut weh

 Verliert man einen 100-Euro-Schein ist der Ärger darüber größer als die Freude über einen 100-Euro-Schein, den man unerwartet auf der Straße findet. Psychologen nennen das Verlustaversion. Die Reaktion auf einen Verlust ist stärker als auf einen Gewinn in gleicher Höhe. Daher streben Menschen danach Verluste so gering wie möglich zu halten.

Das Ganze funktioniert auch bei Dingen, die uns fast gehören. Dadurch erklären sich z.B. die irrational hohen Geboten zum Schluss von Versteigerungen.

Vielleicht war es gar nicht so schlecht, dass die Interessentin meine Couch ausprobiert hat. Schließlich konnte sie bereits erleben wie es wäre, wenn das Sofa ihr Sofa wäre. Ob sie es nächste Woche wirklich abholt? Ich bin optimistisch, denn sie weiß, dass ich noch eine sehr interessierte Interessentin als Backup habe und diesen „Verlust“ will sie sicher nicht riskieren.

 

Literatur

Kahneman, D., Knetsch, J. L., & Thaler, R. H. (1991). Anomalies: The endowment effect, loss aversion, and status quo bias. The journal of economic perspectives, 5, 193-206.

 

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Mein Name ist Constanze und ich bin promovierte Psychologin. Ich mag gute Theorien und wissenschaftliche Erkenntnisse, die einem helfen das Leben besser zu verstehen.

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