• Skip to primary navigation
  • Skip to main content
  • Skip to primary sidebar
  • Skip to footer

absolut psychologisch

  • Startseite
  • Artikelübersicht
  • Über
  • Impressum

Forschung

Die Qual der Wahl

4. September 2025 By Constanze 1 Comment

Warum uns eine große Auswahl lähmt, anstatt Freiheit zu schenken

Ein Beitrag von Allegra Lenz & Beatrice Deinhart

Fünf oder fünfzig Pullover zur Auswahl beim Online-Shopping – was wäre Dir lieber? Intuitiv bevorzugen viele Konsumenten ein großes Angebot. Paradoxerweise sind wir aber meist zufriedener, wenn wir weniger Auswahl haben. Aber warum ist weniger manchmal mehr und wie werden wir trotz vieler Optionen glücklich mit unserer Wahl?

Kennst du das? Du stehst im Supermarkt vor einem Regal mit gefühlt 100 Kaffeesorten. Arabica, Robusta, Fairtrade, entkoffeiniert, ganze Bohne, Pads … und plötzlich fühlt sich die Entscheidung an wie eine kleine Lebenskrise.

Eigentlich klingt es wie ein Luxus unserer Zeit: Freiheit durch Vielfalt. Aber psychologisch betrachtet erleben wir oft das Gegenteil – Überforderung, Aufschieben, Unzufriedenheit. Genau das beschreibt das sogenannte Auswahlparadox: Je mehr Optionen, desto schwerer fällt uns die Wahl – und desto größer ist die Gefahr, dass wir sie später bereuen (Iyengar & Lepper, 2000).

Was ist das Auswahlparadox?

Dieser Begriff beschreibt eine paradoxe Situation: Je mehr Auswahlmöglichkeiten wir haben, desto schwerer fällt uns die Entscheidung. Eine große Auswahl bedeutet also nicht mehr Zufriedenheit – stattdessen kann sie unsere Fähigkeit zur Entscheidungsfindung überfordern und sogar dazu führen, dass wir mit der getroffenen Wahl unglücklicher sind (Iyengar & Lepper, 2000). Auch nach der Entscheidung für ein Produkt bleibt das Gefühl, eine bessere Wahl übersehen zu haben; die Entscheidung wird im Nachhinein eher bereut. Das Auswahlparadox kann sogar dazu führen, dass wir uns möglicherweise für nichts aus dem angebotenen Sortiment entscheiden und die Entscheidung aufschieben (Chernev et al., 2015).

Wann zu viel Auswahl zu einer Falle wird

Das Auswahlparadox begegnet uns nicht nur im Supermarkt, auch beim Online-Shopping kann es ganz schön zuschlagen. Ob und wie stark es auftritt, hängt von verschiedenen Faktoren ab (Chernev et al., 2015).

Stehst du zum Beispiel unter Zeitdruck, weil ein großer Sale in wenigen Minuten endet, fühlt sich die Entscheidung viel schwerer an. Die Angst, etwas zu verpassen, macht die Auswahl noch komplizierter – dadurch tritt das Paradox eher auf.

Ein weiterer Faktor ist, wie gut man die verschiedenen Optionen vergleichen kann. Wenn sich die Pullover kaum unterscheiden – weder im Preis noch im Muster oder Material – und kein Modell ein klares Alleinstellungsmerkmal wie ein unschlagbares Preis-Leistungs-Verhältnis aufweist, wird es schwieriger, die richtige Wahl zu treffen. Das heißt, je komplexer die Auswahl, desto eher kommt es zum Auswahlparadox.

Anders sieht es aus, wenn Du bereits vor der Entscheidungssituation genau weisst, was Dir wichtig ist. Wenn Du schon eine klare Vorstellung davon hast, dass Dir der Schnitt des Pullovers besonders wichtig ist, kannst Du Vorteile der verschiedenen Modelle, beispielsweise ein besonders hochwertiges Material, besser erkennen und eine schnellere Entscheidung treffen. Bei einer so klaren Präferenz kommt es seltener zum Auswahlparadox. Und schließlich: Wer einfach nur entspannt durch die Seiten scrollt, ohne wirklich eine Entscheidung treffen zu wollen, ist weniger anfällig für das Auswahlparadox. Ohne festen Kaufwunsch fällt die Entscheidung leichter – hier geht es eher ums Stöbern als um eine konkrete Kaufabsicht, also besteht auch kein großer Entscheidungsdruck.

Zu viele Optionen, zu wenig Entscheidung – nicht nur beim Einkaufen

Das Phänomen betrifft nicht nur den alltäglichen Einkauf im Supermarkt oder in einem Online-Shop. Es kann in nahezu jedem Lebensbereich auftreten, in dem wir uns für eine aus zahlreichen Optionen entscheiden wollen. Das kann beispielsweise auch bei dem Aussuchen eines Geschenks, der Wahl des Urlaubsortes oder des Partners bzw. der Partnerin der Fall sein (Dar & Gul, 2024). Singles, die ihre*n Partner*in beim Online-Dating aus 24 Personen auswählten, waren eine Woche später viel unzufriedener mit ihrer Entscheidung und änderten diese eher als Singles, die nur zwischen sechs Personen wählen mussten (D’Angelo & Toma, 2017).

Wie kann ich das Auswahlparadox überwinden?

Es gibt eine gute Nachricht: Auch bei einer großen Auswahl lässt sich das Auswahlparadox umgehen und leicht eine Entscheidung treffen. Es hilft beispielsweise, ausreichend Zeit für die Entscheidungssituation einzuplanen. Auch sollte man sich bereits vor der Konfrontation mit den unterschiedlichen Optionen möglichst detailliert darüber klar werden, wonach man sucht. Welche Merkmale sind Dir beispielsweise bei der Wahl des nächsten Urlaubsorts besonders wichtig – ziehst Du ein schickes Wellnesshotel einer urigen Berghütte vor und falls ja, wie viel Aufpreis wäre Dir das wert? Wer entsprechende Merkmale identifiziert hat, die ihm bei der Entscheidung besonders wichtig sind, kann sich beispielsweise beim Onlineshopping entsprechende Filterfunktionen nach diesem Merkmal zu Nutzen machen. Auch bieten Online-Vergleichsportale inzwischen nützliche Instrumente, um mehrere Entscheidungsoptionen gegeneinander abzuwägen (Stegemann, 2024).

Wer das nächste Mal ratlos vor dem Supermarktregal steht und sich überfordert von unzähligen verschiedenen Kaffeesorten fühlt, dem sei zuletzt noch der Tipp gegeben, mehr auf sein Bauchgefühl zu vertrauen. Eine spontane Entscheidung kann möglicherweise mit viel größerer Zufriedenheit verbunden sein als eine zu durchdachte und komplexe Entscheidung. Auch muss es nicht immer die „beste“ Option sein, für die man sich letztendlich entscheidet – in vielen Fällen reicht auch ein „gut genug“. In diesem Sinne happy Shopping!

Literatur

  • Chernev, A., Böckenholt, U., & Goodman, J. (2015). Choice overload: A conceptual review and meta-analysis. Journal of Consumer Psychology, 25(2), 333–358. https://doi.org/10.1016/j.jcps.2014.08.002
  • D’Angelo, J. D., & Toma, C. L. (2017). There are plenty of fish in the sea: The effects of choice overload and reversibility on online daters’ satisfaction with selected partners. Media Psychology, 20(1), 1–27. https://doi.org/10.1080/15213269.2015.1121827
  • Dar, A. R., & Gul, M. (2024). The “less is better” paradox and consumer behaviour: A systematic review of choice overload and its marketing implications. Qualitative Market Research, 28(1), 122-145. https://doi.org/10.1108/QMR-01-2024-0006
  • Iyengar, S. S., & Lepper, M. R. (2000). When choice is demotivating: Can one desire too much of a good thing? Journal of Personality and Social Psychology, 79(6), 995–1006. https://doi.org/10.1037/0022-3514.79.6.995
  • Stegemann, M. (2024). Konsumverhalten verstehen, beeinflussen und messen: Die Psychologie hinter effektivem Marketing. Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-658-43600-1_12

Filed Under: Allgemein, Forschung vorgestellt, Special Issue Tagged With: Auswahl Paradox, Forschung, Special Issue

Warum Helfen wie Schokolade ist – macht glücklich, aber nur in Maßen!

21. August 2025 By Constanze Leave a Comment

Ein Beitrag von Larissa Renz und Lea Sophie Fuchs

Wann hast du das letzte Mal jemandem geholfen? Wie hast du dich danach gefühlt? Hattest du vielleicht ein kleines Lächeln im Gesicht oder hast dich einfach gut gefühlt?
Im Folgenden erfährst du, dass Helfen nicht nur die unterstützte Person, sondern auch den Helfenden glücklich macht. Dabei gibt es aber auch noch eine andere Seite der Medaille.

Helfen kann man auf unterschiedlichste Art und Weise, sei es einem Freund beim Umzug zu helfen, jemandem den Weg zu erklären oder die Einkaufstasche einer alten Dame zu tragen. Zum Helfen gehören aber auch Aktivitäten, die mehr Zeit in Anspruch nehmen, wie beispielsweise die Durchführung eines Ehrenamts. Laut Statista führten im Jahr 2024 etwa 16,42 Millionen Menschen in Deutschland ein Ehrenamt aus.

Warum helfen wir eigentlich?

Warum helfen über 16 Millionen Menschen, obwohl sie kaum Aufwandsentschädigung dafür bekommen? Ist es Langeweile? Oder macht es sich schick im Lebenslauf?

In einer repräsentativen Befragung des Instituts für Demoskopie Allensbach im Jahr 2013 gaben 73% der Befragten an, dass bei ihnen die Freude zu Helfen im Vordergrund steht. Auf Platz 2 und 3 folgten der Wunsch anderen zu helfen (54%) und die Bedeutung der jeweiligen Gruppe für einen selbst (49%). Letzteres bedeutet, dass die Gruppe, um die man sich kümmert, einem besonders am Herzen liegt.

Macht Helfen glücklich? Das sagt die Wissenschaft

Für 73% der Ehrenamtlichen ist Freude die Hauptmotivation zu Helfen. Aber macht Helfen wirklich glücklich und vielleicht sogar gesünder?

Eine Studie (Schwartz & Sendor, 1999) begleitete chronisch kranke Menschen, die andere Erkrankte über zwei Jahre unterstützten. Dabei verbesserte sich bei den Helfern Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl. Außerdem sind sie offener und toleranter gegenüber anderen Menschen geworden.

Eine Zusammenfassung mehrerer Studien (Von Bonsdorff & Rantanen, 2011) zeigte, dass sozial engagierte Personen über 60, besser in der Lage sind, ihre Gesundheit und Lebenszufriedenheit korrekt einzuschätzen. Eine weitere Studie (Brown et al., 2003) fand heraus, dass das Helfen sogar Einfluss auf die eigene Sterblichkeit haben kann. In dieser Studie wurden in den 1980ern ältere, verheiratete Paare aus Detroit über fünf Jahre begleitet. Die Sterblichkeitsrate war bei Personen geringer, die ihren Ehepartner oder andere Menschen in ihrem Umkreis unterstützten. Dabei wurden andere Faktoren kontrolliert, die die Sterblichkeit beeinflussen können. Dazu gehörten Alter, Geschlecht, körperliche und mentale Gesundheit, Persönlichkeitsmerkmale sowie der sozioökonomische Status. Dadurch konnte ausgeschlossen werden, dass der Effekt von Helfen auf die Sterblichkeit durch einen dieser Faktoren erklärt werden kann. Von 846 Befragten, starben im Laufe der Studie 134 Personen. Das Risiko, im Zeitraum der Studie zu sterben, war bei Personen, die Freunde, Verwandte oder Nachbarn durch praktische Hilfe unterstützten, um das 0.61 fache geringer, als bei Personen, die selbst Unterstützung erhielten. Bei Personen, die ihren Ehepartner emotional unterstützten, war das Sterberisiko um das 0.70 fache verringert im Vergleich zu Personen, die selbst Unterstützung bekamen. Wie die Studie zeigt, kann Helfen Einfluss auf die eigene Sterblichkeit haben, egal auf welche Art man hilft. Ob jemand Unterstützung erhält oder nicht, beeinflusste die Sterblichkeit dagegen überraschenderweise nicht.

Wow, Helfen macht uns also glücklich und lässt uns sogar länger leben? Dann nehmen wir uns ab jetzt vor, so viel und so oft es geht zu helfen. Statt unser Dopamin mit Schokolade aufzuputschen, helfen wir also jetzt. Naja, nicht ganz, denn genau wie der übermäßige Verzehr von Schokolade zu unerwünschten Nebenwirkungen führt, hat auch Helfen seine Grenzen.

Gibt es ein Zuviel an Helfen?

Hast du dich schonmal erschöpft gefühlt, nachdem du schon wieder einer Freundin unter die Arme gegriffen hast? Hättest du lieber einen ruhigen Abend für dich gehabt, konntest aber nicht „Nein“ sagen?

So geht es vielen hilfsbereiten Menschen mal. Wenn du aber regelmäßig deine eigenen Grenzen überschreitest und immer versuchst anderen zu helfen, kann das negative Konsequenzen für dich haben. Eine Studie (Maringgele et al., 2023) hat Pflegepersonal, das mit Covid 19 Patienten arbeitet, und Personen aus „nicht helfenden Berufen“ per Online Fragebogen zu Persönlichkeitseigenschaften und Wohlbefinden befragt. Die Ergebnisse zeigen, dass es in beiden Berufsgruppen ähnlich viele Personen gab, die zu viel helfen und begannen ihre eigenen Bedürfnisse zu vernachlässigen. Diese Personen fühlten sich schlechter, wodurch bei ihnen depressive Symptome auftreten können. Laut dem Autor Garms-Homolová (2022) tendieren solche Personen dazu sonstige Verpflichtungen, andere soziale Beziehungen und ihre physische und psychische Gesundheit zugunsten der Unterstützung anderer zu vernachlässigen.

Folglich steht eines fest: Du musst nicht Mutter Teresa 2.0 werden, um glücklich zu sein. Vielleicht denkst du dir das nächste Mal, wenn du dir beim Kauf deiner Lieblingsschokolade einen Dopaminschub erhoffst, dass es dich genauso glücklich machen kann, deiner Nachbarin die Einkaufstasche hochzutragen. Aber Vorsicht, behalte dabei immer auch deine eigenen Grenzen im Auge. Nicht dass du am Schluss zwar anderen eine Freude machst, dabei aber deine eigene Gesundheit gefährdest.

Fazit: Helfen ist wie Schokolade, es macht glücklich, aber nur wenn wir es nicht übertreiben.

Literatur

Brown, S. L., Nesse, R. M., Vinokur, A. D., & Smith, D. M. (2003). Providing social support may be more beneficial than receiving it: Results from a prospective study of mortality. Psychological Science, 14(4), 320–327. https://doi.org/10.1111/1467-9280.14461

Garms-Homolová, V. (2022). Sozialpsychologie der Zuneigung, Aufopferung und Gewalt: Über Liebe, prosoziales Verhalten, Aggression und Hass. Springer Berlin Heidelberg. https://doi.org/10.1007/978-3-662-64355-6

Institut für Demoskopie Allensbach. (2013). Motive des bürgerschaftlichen Engagements—Ergebnisse einer bevölkerungsrepräsentativen Befragung (IfD-Umfrage 11012). Institut für Demoskopie Allensbach. https://www.ifd-allensbach.de/fileadmin/studien/Engagement_Motive_Bericht.pdf

Maringgele, V. E., Scherr, M., Aichhorn, W., & Kaiser, A. K. (2023). Helper syndrome and pathological altruism in nurses – a study in times of the COVID-19 pandemic. Frontiers in Psychology, 14, 1150150. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2023.1150150

Schwartz, C. E., & Sendor, R. M. (1999). Helping others helps oneself: Response shift effects in peer support. Social Science & Medicine, 48(11), 1563–1575. https://doi.org/10.1016/S0277-9536(99)00049-0

Statista. (2024, Dezember 19). Verbreitung ehrenamtlicher Arbeit in Deutschland 2024. Statista. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/173632/umfrage/verbreitung-ehrenamtlicher-arbeit/

Von Bonsdorff, M. B., & Rantanen, T. (2011). Benefits of formal voluntary work among older people. A review. Aging Clinical and Experimental Research, 23(3), 162–169. https://doi.org/10.1007/BF03337746

Filed Under: Allgemein Tagged With: Forschung, Helfen, Prosoziales Verhalten, Psychologie, Special Issue

Special Issue: Wissenschaft trifft Alltag

26. Juni 2025 By Constanze Leave a Comment

von und mit Studierenden der FAU Erlangen-Nürnberg

Special Issue: Wissenschaft trifft Alltag – Drei Perspektiven aus der Studierendenforschung

Ab der kommenden Woche erwartet euch auf absolutpsychologisch.de ein ganz besonderes Highlight: In Kooperation mit Masterstudierenden der Psychologie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg starten wir ein Special Issue das den wissenschaftlichen Blick auf psychologische Phänomene mit alltagsnaher Relevanz verbindet – frisch gedacht, klug aufbereitet und stets mit Unterhaltungswert.

Unter dem Titel „Zwischen Kopf und Gefühl – Wissenschaft trifft Alltag“ beleuchten unsere Gastautor*innen in vier aufeinanderfolgenden Wochen Themen, die uns alle betreffen – ob im Supermarkt, im Bewerbungsgespräch oder im Büro:

  • Imposter-Syndrom – Wie Selbstzweifel am Arbeitsplatz entstehen und was wir ihnen entgegensetzen können
  • Die Qual der Wahl – Warum uns eine große Auswahl lähmt, anstatt Freiheit zu schenken
  • Pretty Privilege – Wenn äußere Schönheit (un)gerecht belohnt wird
  • Der Zuschauer-Effekt in sozialen Medien – Online aber doch standby
  • Warum Helfen wie Schokolade ist – macht glücklich, aber nur in Maßen!

Die Beiträge verbinden aktuelle Forschung mit persönlichen Beobachtungen und zeigen, wie psychologische Erkenntnisse helfen können, uns und andere besser zu verstehen.

Besonders freuen wir uns, dass die Studierenden im Rahmen des Specials auch den Instagram-Kanal @absolutpsychologisch übernehmen werden. Dort geben sie Einblicke in die Themen der Woche, teilen weiterführende Gedanken – und laden euch zum Mitdiskutieren ein.

Stay tuned – und lasst euch inspirieren!

Filed Under: Allgemein Tagged With: Alltag, Forschung, Kooperation, Wissenschaft

Warum wir starke Vorbilder brauchen – besonders starke Frauen

6. Juni 2025 By Constanze Leave a Comment

1. Brauchen wir aus psychologischer Sicht überhaupt Vorbilder – oder können wir auch ohne sie stark werden?

Theoretisch könnten wir ohne Vorbilder stark werden – praktisch wäre das aber, als würde man ohne Landkarte durch unbekanntes Terrain wandern. Vorbilder geben uns Orientierung, motivieren und zeigen, was möglich ist. Die Psychologie spricht hier vom „Modelllernen“ (Bandura, 1977). Wir Menschen sind soziale Wesen – wir lernen, wer wir sein können, indem wir andere beobachten. Im berühmten Bobo-Doll-Experiment von Albert Bandura prügelten Kinder auf eine Puppe ein, nachdem sie gesehen hatten, wie Erwachsene das taten – ganz ohne Aufforderung (Bandura, Ross & Ross, 1961).

Besonders in Phasen von Unsicherheit oder Entwicklung – etwa bei Jugendlichen oder in herausfordernden Lebenssituationen – sind Vorbilder wie psychologische Wegweiser.

2. Was genau passiert in unserem Kopf, wenn wir ein Vorbild haben? Gibt es einen psychologischen Mechanismus dahinter?

Ja, und der ist ziemlich faszinierend! Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass beim Beobachten eines Vorbilds unser Belohnungssystem und die sogenannten Spiegelneuronen aktiv werden (Güroğlu et al., 2023). Das bedeutet: Wenn wir jemanden bewundern, der etwas erreicht hat, wird nicht nur unser Wunsch geweckt, es ihm oder ihr gleichzutun – unser Gehirn „übt“ bereits gedanklich mit.
Zudem stärken Vorbilder unser Gefühl von Selbstwirksamkeit – das ist der Glauben, Herausforderungen selbst aus eigener Kraft bewältigen zu können (Benet-Martínez et al., 2021). Wer sieht, dass jemand einen schwierigen Weg gegangen ist, glaubt eher daran, ähnliche Hürden überwinden zu können. Das bedeutet, dass inspirierende Vorbilder helfen können ehrgeiziger eigene Ziele zu verfolgen und resistenter zu sein.  

3. Warum sind gerade starke Frauen so wichtige Vorbilder – nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer?

Weil sie gesellschaftliche Bilder verschieben. Über Jahrhunderte waren Vorbilder in vielen Bereichen – Wissenschaft, Politik, Wirtschaft – männlich geprägt. Starke Frauen als Vorbilder erweitern unser kollektives Verständnis davon, wer „Erfolg“ haben oder „Führung“ übernehmen kann.
Studien zeigen, dass Diversität bei Vorbildern stereotype Denkmuster abbauen kann – sowohl bei Frauen als auch bei Männern (Cheng et al., 2022). Wenn wir erleben, dass Macht, Mut oder Kompetenz nicht an ein Geschlecht gebunden sind, öffnet das Räume: für Frauen, ihre Ambitionen zu entfalten, und für Männer, neue Rollenbilder zu integrieren. Starke Frauen als Vorbilder sind also nicht nur Inspiration – sie wirken gleichzeitig wie psychologische Türöffner für mehr Gleichberechtigung.

4. Spielt es eine besondere Rolle, dass Mädchen weibliche Vorbilder haben? Und was passiert, wenn sie fehlen?

Absolut. Mädchen orientieren sich zwar auch an männlichen Vorbildern, aber Studien zeigen, dass sie sich stärker motiviert fühlen, wenn sie erfolgreiche Frauen sehen, mit denen sie sich identifizieren können (Lockwood & Kunda, 1997). Wenn solche weiblichen Vorbilder fehlen, kann das unbewusst dazu führen, dass Mädchen bestimmte Karrierewege oder Führungsrollen gar nicht erst als „ihren“ möglichen  Weg wahrnehmen.
Eine Studie von Oyserman und Destin (2018) konnte zeigen, dass Vorbilder besonders dann motivierend wirken, wenn sie als erreichbar wahrgenommen werden. Mädchen brauchen also keine „Superheldinnen“, sondern reale Frauen, die zeigen: Erfolg, Mut oder Unabhängigkeit sind möglich – auch für dich.

5. In Zeiten von Social Media und gesellschaftlichem Rechtsruck: Welche Vorbilder tun uns heute wirklich gut?

Die Antwort ist simpel: authentische und vielfältige Vorbilder. Gerade Social Media überschwemmt uns mit oft unrealistischen Idealen, die mehr Druck als Inspiration erzeugen. Die psychologische Forschung zeigt, dass wir uns besonders mit Vorbildern identifizieren, die auch Schwächen und Fehler offenbaren. Dieser Effekt wird als «Pratfall-Effekt» bezeichnet: Kleine Makel machen Menschen sympathischer und motivierender (Benet-Martínez et al., 2021). Perfektion hingegen schafft Distanz.

Besonders wertvoll sind Vorbilder, die Wege aufzeigen, wie man Herausforderungen meistert, Grenzen hinterfragt oder für wichtige Werte einsteht. In Zeiten, in denen Gleichberechtigung wieder verstärkt infrage gestellt wird, brauchen wir Vorbilder, die Mut machen und gesellschaftliche Verantwortung übernehmen – Frauen, die offen über Hindernisse sprechen, sei es Diskriminierung, Selbstzweifel oder die Herausforderung, Beruf und Privatleben zu vereinbaren.

Social Media kann eine großartige Plattform für Frauen sein, um laut, unbequem und sichtbar zu sein. Das inspiriert nicht nur einzelne Personen, sondern – wie eine aktuelle Studie zeigt – geteilte Vorbilder fördern sowohl individuelles Wachstum als auch das Gefühl von Gemeinschaft und Widerstandskraft (Cheng et al., 2022). Und genau das brauchen wir heute.

Anmerkung: Dieser Artikel wurde in leicht gekürzter Form in Ausgabe 105 der Südzeit veröffentlicht. Hier der Link zur Ausgabe. Der Beitrag findet sich auf Seite 25.

Referenzen

  • Bandura, A. (1977). Social Learning Theory. Prentice-Hall.
  • Bandura, A., Ross, D., & Ross, S. A. (1961). Transmission of aggression through imitation of aggressive models. Journal of Abnormal and Social Psychology, 63(3), 575–582. https://doi.org/10.1037/h0045925
  • Benet-Martínez, V., Lee, F., & Leu, J. (2021). Inspiring role models and self-efficacy: How exposure shapes motivation. Journal of Personality and Social Psychology, 120(3), 567–582.
  • Cheng, J. T., Tracy, J. L., & Henrich, J. (2022). Shared heroes and collective resilience: The social power of role models. Nature Human Behaviour, 6, 98–106.
  • Güroğlu, B., van den Bos, W., & Crone, E. A. (2023). Neural mechanisms of observational learning: The role of mirror systems in social motivation. Trends in Cognitive Sciences, 27(2), 134–146.
  • Lockwood, P., & Kunda, Z. (1997). Superstars and me: Predicting the impact of role models on the self. Journal of Personality and Social Psychology, 73(1), 91–103.
  • Oyserman, D., & Destin, M. (2018). Identity-based motivation: Implications for intervention. Review of Educational Research, 88(4), 499–531.

Filed Under: Allgemein Tagged With: Forschung, Frauen, Gender, Psychologie, Vorbilder

Der 99-Effekt – die Psychologie der Preisgestaltung

5. April 2022 By Constanze Leave a Comment

Ein T-Shirt für 19,99 EUR, Flüssigseife für 1,99 EUR und der neueste Thriller von Sebastian Fitzek für 22,99 EUR. Eigentlich könnte man doch gleich 20 EUR für das Shirt, 2 EUR für die Seife und 23 EUR für das Buch verlangen, oder? Macht es doch kaum einen finanziellen Unterschied und würde z.B. unnötiges 1 Cent-Rückgeld geben vermeiden. Ok, das Argument zählt mittlerweile – wo beinahe jeder mit Karte bezahlt – kaum noch, aber tatsächlich wirkt diese Preisgestaltung schon ein wenig kompliziert.

Produkte mit 99er-Preis werden mehr gekauft

Wirken die 99er-Preise tatsächlich günstiger und fallen wir als Verbraucher:innen darauf rein? In einer recht bekannten Studie wollten die amerikanischen Forschenden Robert Schindler und Thomas Kibarian (1996) genau diese Frage beantworten. Dafür versendeten sie in Summe 90.000 Warenkataloge. Ein Drittel dieser Kataloge enthielt die typischen 99er Preise, also 4,99, 9,99 oder 19,99, das zweite Drittel der Kataloge bewarb Produkte mit glatten Preisen, also zum Beispiel 5, 10 oder 20 und das letzte Drittel der Prospekte beinhaltete Produkte mit 88er-Preise, also beispielsweise 4,88, 9,88 oder 19,88.

Das bedeutet, dass die Preise des letzten Drittels im Durchschnitt am niedrigsten waren und daher zu erwarten gewesen wäre, dass – wenn der Mensch ökonomisch handeln würde – am meisten Produkte aus diesen Katalogen gekauft wurden. Die Realität sah allerdings anders aus! Am meisten wurden Produkte aus den 99-er Katalogen gekauft und zwar signifikant mehr als aus beiden anderen Katalog-Versionen. In Prozent ausgedrückt kauften die Konsumierenden 8% mehr, wenn die Produkte auf «,99» endeten.

Warum tappen wir in die 99er-Falle?

Die Forschenden wollten nun natürlich verstehen: Was ist der Grund dafür? Fühlt sich 1 Cent weniger tatsächlich nach deutlich günstiger an? Um das zu untersuchen, wurden Proband:innen in einem Experiment (Bizer & Schnindler, 2005) daher entweder gefragt: «Wie viele Produkte zum Preis von 2,99 Dollar kann man mit 73 Dollar kaufen?» oder ihnen wurde die Frage «Wie viele Produkte zum Preis von 3 Dollar kann man mit 73 Dollar kaufen?». Tatsächlich stellte sich heraus, dass die Versuchsteilnehmenden kleinere Fehler bei der Aufaddierung machten und die Anzahl der Produkte mit 99er Preisen, die man für 73 Dollar kaufen kann, leicht überschätzten. Dieser Effekt wird verstärkt, wenn die Motivation, die Preise genau anzusehen, nicht sonderlich hoch ist oder der Konsumierende müde oder erschöpft ist. 

Darüber hinaus gibt es noch einen wichtigen Bedeutungseffekt. Damit wird beschrieben, dass die 99er-Preise eine Botschaft senden. Diese Preise wirken auf Probanden als sei es der niedrigste verfügbare Preis, als wäre er seit einiger Zeit nicht mehr angehoben worden beziehungsweise, dass es sich um ein Sonderangebot handelt (Schindler & Kibarian, 2001). Sonderangebote sind sowieso ein spannendes Thema: Dort ist nämlich tatsächlich die Höhe des Rabattes entscheidender für die Kaufentscheidung als der finale Endpreis (Boz, Arslan & Koc, 2017).

Luxusmarken setzen auf glatte Preise

Luxusmarken machen sich den oben erklärten Bedeutungseffekt übrigens zu Nutze, indem sie genau das Gegenteil tun. Dort findet man selten sogenannte «gebrochene Preise», sondern meistens glatte Preise, da diese Qualität und Luxus ausdrücken sollen. So konnte zum Beispiel experimentell nachgewiesen werden, dass sich eine Flasche Champagner besser verkaufte, wenn sie 40 Dollar anstatt 39,72 oder 40,28 Dollar kostete (Wadhwa & Zhang 2015).

Unglaublich, dass wir Konsument:innen uns wirklich davon beeinflussen lassen, nicht wahr? Die gute Nachricht ist allerdings, genau wie bei anderen Effekten, dass sie – zumindest zum Teil – ihre Wirksamkeit verlieren, wenn wir uns ihrer bewusst sind. In diesem Sinne: Happy Shopping.

Literatur

Bizer, G. Y., & Schindler, R. M. (2005). Direct evidence of ending‐digit drop‐off in price information processing. Psychology & Marketing, 22(10), 771-783.

Boz, H., Arslan, A., & Koc, E. (2017). Neuromarketing aspect of tourısm pricing psychology. Tourism Management Perspectives, 23, 119-128.

Schindler, R. M., & Kibarian, T. M. (1996). Increased consumer sales response though use of 99-ending prices. Journal of Retailing, 72(2), 187-199.

Schindler, R. M., & Kibarian, T. M. (2001). Image communicated by the use of 99 endings in advertised prices. Journal of Advertising, 30(4), 95-99.

Wadhwa, M., & Zhang, K. (2015). This number just feels right: The impact of roundedness of price numbers on product evaluations. Journal of Consumer Research, 41(5), 1172-1185.

Filed Under: Allgemein, Erstaunliche Effekte, Forschung vorgestellt Tagged With: Forschung, Kaufverhalten, Konsumentenpsychologie, Marketing, Preisgestaltung, Schnäppchen

Pamela, zeig uns deinen (Schwimm-)Reif

23. Februar 2022 By Constanze Leave a Comment

Franziska Ströhm & Leonie Peters

Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Und in der Belichtung. Und im Kontrast. Unrealistische Schönheitsideale überfluten insbesondere bildbasierte Social-Media-Plattformen wie Instagram. Immer mehr Influencerinnen lassen deswegen nun die perfekte Hülle fallen und zeigen: Instagram ist nicht gleich Reality. 

Und mal ehrlich: wer kennt es nicht? Ich liege sonntagnachmittags in Jogginghose auf der Couch und schaue mir zum dritten Mal das Staffelfinale von Pretty Little Liars an. In der einen Hand einen Schokoriegel, in der anderen das Handy, scrolle ich durch Instagram. Nach dem dritten Bikinifoto einer selbstbewusst lächelnden Schönheit fängt die Vergleichsmaschine an zu rattern. Ihre sonnengebräunten Beinchen, meine Jogginghosenstampfer. Ihr eingeölter Waschbrettbauch, meine Chipskrümel im Bauchnabel. Ihr strahlendes Lächeln, mein verzweifelter Blick in den Spiegel als ich realisiere, dass ich so schön niemals sein werde. Aber wieso stört mich das überhaupt, wenn ich doch ausgesprochen zufrieden mit meinem Couch-Tag war? 

Nach der Theorie des Psychologen Leon Festinger hat jeder Mensch das Bedürfnis, die eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten zu verbessern (Festinger, 1954). Bilde ich meine Visionen, Ansprüche und Motivationen, indem ich mich an anderen orientiere, nennt Festinger das den “sozialen Vergleich”. Dabei vergleichen wir uns vor allem mit Leuten, die uns ähnlich scheinen. Betrachte ich eine Person, die ich mir selbst als unterlegen wahrnehme, wird der Vergleich als “abwärtsgerichtet” bezeichnet. Dies kann gut für meinen Selbstwert und meine Körperwahrnehmung sein, jedoch meine Veränderungsmotivation schmälern. Wähle ich eine Vergleichsperson, welche mir in den für mich relevanten Merkmalen überlegen scheint, vergleiche ich mich “aufwärts”. Dies kann zwar sehr inspirierend wirken, jedoch meine Selbst- und Körperwahrnehmung verschlechtern. Wenn meine beste Freundin nach ihrer neuen Diät im Freibad alle Blicke auf sich zieht, nagt das doch etwas an meinem Selbstwertgefühl. 

Instagram ist eine Social-Media-Plattform, die zu jeder Tages- und Nachtzeit Material für den aufwärtsgerichteten Vergleich bietet. Influencerinnen zeigen ihr scheinbar alltägliches und dennoch perfekt inszeniertes Leben und werden so zur Vergleichsgruppe für junge Frauen. Die Wissenschaft mahnt Instagram überwiegend mit erhobenem Zeigefinger, denn sie zeigt: Dem Körperbild junger Frauen tut der ständige Aufwärtsvergleich nicht gut. Je häufiger und intensiver sie Instagram nutzen, desto eher neigen sie zur Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper, einem geringen Selbstwertgefühl und depressiven Symptomen (Sherlock & Wagstaff, 2019). Manchmal ertappe ich mich selbst dabei, dass ich eine andere Person schlecht rede, obwohl (oder gerade weil) ich sie insgeheim beneide. Wenn Vergleichspersonen “zu perfekt” sind, fällt es mir schwer, mich mit ihnen zu identifizieren. Das nennt sich “Kontrasteffekt”. Ich nehme die Vergleichsperson als so anders wahr, dass ich gar nicht erst anfange, Gemeinsamkeiten zu suchen, sondern mit Ablehnung und Missgunst auf sie reagiere (Meier & Schäfer, 2018; Meier, Gilbert, Börner & Possler, 2020). Manchmal ertappe auch ich mich dabei, wie ich eine andere Person schlecht rede obwohl – oder gerade, weil – ich sie insgeheim beneide. Diese Form von Neid ist destruktiv… aber Moment, kann Neid auch konstruktiv sein?

Einige Influencerinnen haben sich die negativen Auswirkungen von Instagram auf das Körperbild junger Frauen zum Anlass genommen, einer Gegenbewegung zu folgen: “Instagram vs. Reality”. Sie posten jeweils zwei Bilder. Eines entsprechend der gängigen Instagram-Perfektion: ihr trainierter Körper, inszeniert in schmeichelnder Pose und passender Belichtung. Direkt daneben ein weiteres, welches die Realität abbilden soll: ihr Körper unvorteilhaft gebeugt, Dehnungsstreifen und Orangenhaut im Bildfokus. Instagram-Nutzerinnen sollen darauf aufmerksam gemacht werden, dass “der perfekte Körper” nicht existiert. Der eingeölte Waschbrettbauch meines Vorbildes sieht dann plötzlich gar nicht mehr so trainiert aus, wenn sie so wie ich entspannt auf der Couch lümmelt. Das Gefühl, nicht gut genug zu sein, schlägt in wohlwollende Sympathie um. Ein bisschen Neid ist zwar immer noch da, aber eigentlich ist mein Vorbild doch gar nicht so anders als ich. Wenn sie es also schafft, erfolgreich zu sein, könnte ich mich morgen doch auch mal wieder aufraffen und Joggen gehen. Wenn die innere Vergleichsmaschine so arbeitet, entsteht ein sogenannter Assimilationseffekt (Meier & Schäfer, 2018; Meier, Gilbert, Börner & Possler, 2020). Weil die Vergleichsperson nahbar ist, kann ich mich mit ihren positiven Eigenschaften identifizieren – und bin motiviert. Neid kann sich so auch konstruktiv anfühlen. 

In der Theorie sollte ich mich also besser fühlen, wenn mein Startfeed auf Instagram mir neben makellosen Bikinifotos auch ganz alltägliche Bilder von Frauen in Jogginghosen-Sonntagslaune präsentieren würde. Marika Tiggemann und Isabella Anderberg, Psychologinnen der Flinders University in Australien, haben einen in einer Studie versucht, das zu prüfen. Dafür haben sie 305 Frauen im Alter von 18-30 Jahren zufällig in drei Gruppen eingeteilt. Der ersten Gruppe wurden “Instagram vs. Reality”-Fotos gezeigt. Die zweite Gruppe schaute sich nur die perfekten Fotos an, die in aller Manier bearbeitet wurden. Der dritten Gruppe wurden nur Fotos vorgelegt, die reale Körper ohne Filter zeigten. Alle Teilnehmerinnen gaben außerdem an, wie zufrieden sie mit ihren Körpern sind. Wie erwartet zeigte die Studie, dass die beiden Gruppen, die sich “Reality” und “Instagram vs. Reality”-Fotos ansahen, zufriedener mit ihrem eigenen Körper waren als die Gruppe, die sich nur perfekte Fotos anschaute (Tiggemann & Anderberg, 2020). Der Unterschied zwischen den drei Gruppen zeigt uns jedoch nicht, ob perfekte Instagram-Bilder das eigene Körperbild verschlechtern oder “Reality”-Fotos es verbessern – vielleicht ja sogar beides. 

Wir dürfen trotzdem wichtige Schlüsse daraus ziehen. Wer selbst ein Instagram-Profil hat, darf neben schönen Urlaubsbildern und gestellten Fotos aus dem Fitnessstudio auch gerne mal ein realistisches, ganz alltägliches Foto hochladen. Für uns als Followerinnen heißt das: Wenn der Blick auf Instagram bei mir ein schlechtes Gefühl bewirkt, ist das in Ordnung. Das geht nicht nur mir so. Mir bleibt aber die Wahl, wem ich folge und welche Vorbilder ich mir suche. Zudem tut es gut zu verstehen, dass ich mich unwohl fühle, weil ich mich aufwärtsvergleiche. 

Die Wissenschaft besinnt sich neben all den kritischen Stimmen also ihres erhobenen Zeigefingers und lehrt uns: Social-Media bietet den Userinnen auch eine Chance. Die Chance, sich mit realistischen Vorbildern zu vergleichen und den eigenen Körper ein kleines bisschen mehr zu akzeptieren. Mein Sonntagsoutfit betrachte ich etwas versöhnlicher und greife nochmals beherzt in die Chipstüte.

Literatur  

  • Festinger, L. (1954). A theory of social comparison processes. Human relations, 7, 117-140.
  • Meier, A., Gilbert, A., Börner, S., & Possler, D. (2020). Instagram inspiration: How upward comparison on social network sites can contribute to well-being. Journal of Communication, 70(5), 721-743. https://doi.org/10.1093/joc/jqaa025 
  • Meier, A., & Schäfer, S. (2018). The positive side of social comparison on social network sites: How envy can drive inspiration on Instagram. Cyberpsychology, Behavior, and Social Networking, 21, 411–417.https://doi:10.1089/cyber.2017.0708
  • Sherif, M., & Hovland, C. I. (1961). Social judgment: Assimilation and contrast effects in communication and attitude change.
  • Sherlock, M., & Wagstaff, D. L. (2019). Exploring the relationship between frequency of Instagram use, exposure to idealized images, and psychological well-being in women. Psychology of Popular Media Culture, 8, 482.
  • Tiggemann, M., & Anderberg, I. (2020). Social media is not real: The effect of ‘Instagram vs reality’images on women’s social comparison and body image. New Media & Society, 22, 2183-2199.

Filed Under: Allgemein, Forschung vorgestellt, Instagram, Medienpsychologie, Social Media, Special Issue, Tolle Theorien Tagged With: Forschung, Influencer, Instagram, Mediennutzung, Medienpsychologie, Pamela Reif, Social Media, Special Issue

Social Distancing – ein psychologischer Blick aufs Abstandhalten

6. Dezember 2020 By Constanze Leave a Comment

Seit gut 10 Monaten heißt es für uns im Alltag: Abstand halten! Bitte mindestens eineinhalb Meter und es ist erstaunlich, wie gut wir uns daran gewöhnt haben. Im Januar hätte wohl noch keiner geglaubt, dass sich Politiker mit Ghetto-Faust begrüßen. Mittlerweile ist der Gedanke, auf Abstand zu bleiben, vielen schon so in Fleisch und Blut übergegangen, dass es sich oft schon sehr falsch anfühlt in einer Serie oder einem Film, Charakteren dabei zuzuschauen, wie sie sich um den Hals fallen oder auf Festivals in Menschenmaßen tanzen. Unsere persönliche Distanzzone hat sich verändert.

Der peripersonale Raum ist abhängig von Kontext und subjektivem Empfinden

Die Psychologie nennt diese Distanzzone „peripersonalen Raum“. Dieser verändert sich je nach Kontext und subjektivem Empfinden und wird unterbewusst berechnet. Sieht man von der aktuellen Situation ab, ist dies für die meisten Menschen der Raum einen halben bis einen Meter um einen selbst herum.

Wie es sich anfühlt, wenn diese persönliche Distanz nicht gewahrt werden kann, kennt jeder. Wenn man zum Beispiel im Kino während des Films auf die Toilette gehen möchte und sich an allen Personen in der Reihe vorbeidrücken muss, fühlt sich das für die meisten Menschen unangenehm an. Dafür gibt es mindestens zwei Gründe: Erstens stört man die Anderen beim Film schauen und zweitens ist es für die meisten Menschen unangenehm, sich an anderen Menschen eng vorbeizubewegen, vor allem wenn es sich um Fremde handelt. Das liegt daran, dass sie bei diesem engen Vorbeigehen die peripersonalen Räume der Personen überschneiden. Die Berechnung passiert so weit unterhalb der Oberfläche, dass man sie erst wahrnimmt, wenn etwas schief geht.

Der Gebrauch von Werkzeugen hat einen Einfluss auf die Größe des peripersonalen Raums

Forscher der Universität Oxford (Holmes & Spence, 2004) entdeckten, dass auch Affen einen peripersonalen Raum haben. In Studien mit Affen konnte gezeigt werden, dass sich der peripersonale Raum erweitert, wenn die Affen ein Werkzeug, wie zum Beispiel einen Stock, benutzen durften, um an Futter heranzukommen (Iriki, Tanaka & Iwamura, 1996). Interessant wäre nun zu wissen wie das Tragen von Werkzeugen, die zu unserem Schutz dienen – aktuell z.B. das Tragen von Atemschutzmaßnahmen oder Face Shields, den peripersonalen Raum beeinflusst. Wird er dadurch vielleicht sogar kleiner? Eine aktuelle Studie deutet auf das Gegenteil hin.

Wer Maske trägt, hält mehr Abstand zu anderen Menschen  

Aktuell herrscht für circa zwei Drittel der Menschheit Maskenpflicht im öffentlichen Raum. Massimo Marchiori, ein italienischer Computerwissenschaftler, wollte in einer Versuchsreihe in einem Einkaufszentrum herausfinden, ob Menschen mit Maske mehr oder weniger Abstand halten.* Tatsächlich zeigt die Auswertung von über 12.000 Begegnungen, dass Menschen mit Maske circa 30 cm mehr Abstand halten als Menschen ohne Maske. Er erklärt dieses Ergebnis damit, dass der Anblick maskentragender Menschen die Leute daran erinnert, dass Abstand halten dazu beiträgt, sich selbst und andere zu schützen.

Das Tragen von Masken verhindert also offensichtlich nicht nur, dass potentiell infektiösen Tröpfchen beim Husten und Sprechen in die Umwelt geraten, sondern verändert auch unser Verhalten hin zu mehr Sicherheit. Ein Ergebnis das Mut macht.

 

Literatur

  • Hall, E. T. (1966). The hidden dimension.New York: Doubleday.
  • Holmes, N. P., & Spence, C. (2004). The bodyschema and multisensory representation (s) of peripersonal space. Cognitive Processing, 5(2), 94-105.
  • Iriki, A., Tanaka, M., & Iwamura, Y. (1996). Coding of modified bodyschema during tool use by macaque postcentral neurones. Neuroreport, 7(14), 2325-2330. doi: 10.1097/00001756-199610020-00010
  • Marchiori, M. (2020, 6. December). COVID-19: The Social Distancing Paradox.https://www.math.unipd.it/~massimo/covid/social-distancing-paradox.html*

 

* Die Ergebnisse dieser Studien sind aktuell auf der Homepage des Forschers veröffentlicht und wurden noch nicht in einem peer-reviewed Journal abgedruckt.

Filed Under: Corona Tagged With: Abstand, Aktuelle Forschung, Corona, COVID-19, Forschung, Maskenpflicht, Peripersoneller Raum, Psychologie, Social Distancing, Wissenschaft

Bill Gates, das Coronavirus und andere Verschwörungstheorien

8. Mai 2020 By Constanze Leave a Comment

Wussten Sie schon, dass Deutschland in Kürze die Demokratie abschaffen wird? Gut, dass Vegan-Koch Attila Hildmann darüber auf seiner Facebook Seite aufklärt. Aus aktuellem Anlass – gibt er bekannt – habe er sich in den Untergrund zurückgezogen und fordert seine Follower auf, mit ihm bewaffneten Widerstand gegen die neue Weltordnung zu leisten. Dass an Corona Bill Gates Schuld ist, wissen Sie wahrscheinlich bereits, der Vollständigkeit halber soll es aber hier nochmal erwähnt sein.

Influencer bleib bei deinen Leisten

Ähnlich krude Mitteilungen werden aktuell vom ehemaligen „Popstars“-Juror Detlef D! Soost, vom Sänger Xavier Naidoo und von der Influencerin Anne Wünsche verbreitet. Gemeinsam ist ihnen, dass sie durch TV-Formate und Social Media bekannt wurden und ihnen Millionen von Leuten auf Instagram durch ihren Alltag folgen. Genau diese Reichweite macht es so gefährlich.

Aktuell gilt auch für Prominente: Bleibt zuhause! Dadurch kann ein verstärktes Sendungsbewusstsein schnell auf relative Bedeutungslosigkeit treffen. Die Psychologen Roland Imhoff und Pia Lamberty (2017) konnten in einer Serie von drei Experimenten zeigen, dass sowohl Narzissmus als auch ein großes Einzigartigkeitsgefühl ein Antrieb für Verschwörungstheoretiker sind. Somit scheinen Verschwörungstheorien eine ideale Beschäftigung für Promis zu sein, die zuhause ohne Publikum ausharren müssen.

Die aktuelle Unsicherheit befeuert Verschwörungstheorien

Zur Corona-Zeit haben Verschwörungstheorien Hochkonjunktur, folgen dabei aber alten Mustern. Meist geht es um eine schwer greifbare Macht. Das ist erstmal ziemlich bedrohlich und wenn Menschen das Gefühl von Kontrollverlust haben, suchen sie Strategien, um damit umzugehen. Eine mögliche Strategie ist es Muster zu sehen, wo keine sind, und mit einer Schwarz-Weiß-Sicht einfache Erklärungen zu finden. Verschwörungs-Narrative helfen daher die Welt zu strukturieren. Dabei gehen Verschwörungstheorien oft mit einer Feindseligkeit gegenüber bestimmten Gruppen einher. Im Mittelalter wurde den Juden die Schuld an der Pest gegeben und auch heute spielen häufig antisemitisch motivierte Erklärungen eine Rolle in Verschwörungstheorien. So zeigte sich auch in Studien, dass Menschen mit Verschwörungsglauben sich eher politischen Alternativen außerhalb des demokratischen Spektrums zuwenden (Lamberty & Leisner, 2019).

Die Verschwörer-Mentalität

Forschungs-Ergebnisse konnten zeigen, dass Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, auch auf Behauptungen vertrauen, die sich gegenseitig ausschließen. So konnten englische Forscher in einer Studie zeigen, dass Menschen, die eher der Meinung waren, dass Prinzessin Diana vom Geheimdienst umgebracht wurde, auch eher daran glaubten, dass Lady Di immer noch lebt (Wood et al., 2012). Menschen mit dieser Verschwörer-Mentalität stört dieser offensichtliche Widerspruch nicht. Sie zeichnen sich durch eine generelle Skepsis gegenüber Personen aus, die als mächtig wahrgenommen werden und unterstellen ihnen schnell mal böse Absichten. Problematisch ist, dass Menschen mit Verschwörer-Mentalität sich eher an den Rat von Nicht-Fachleuten halten und medizinischen Autoritäten misstrauen (Jolley & Douglas, 2014). Heißt, die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Menschen, die an Verschwörungstheorien zum Corona-Virus glauben, auch Gesundheitsratschläge, wie z.B. häufiges Händewaschen oder Abstandhalten nicht befolgen.

Beim nächsten Gespräch mit einem Mitmenschen, der daran glaubt, dass Bill Gates am Corona-Virus Schuld ist, lohnt sich die Nachfrage, ob er oder sie auch Chemtrails glaubt. Falls ja, ist es sinnvoll, ganz schnell auf Abstand zu gehen.

 

Literatur

Imhoff, R., & Lamberty, P. K. (2017). Too special to be duped: Need for uniqueness motivates conspiracy beliefs. European Journal of Social Psychology, 47(6), 724-734.

Jolley, D., & Douglas, K. M. (2014). The effects of anti-vaccine conspiracy theories on vaccination intentions. PloS One, 9.

Lamberty, P., & Leiser, D. (2019). Sometimes you just have to go in-Conspiracy beliefs lower democratic participation and lead to political violence.

Wood, M. J., Douglas, K. M., & Sutton, R. M. (2012). Dead and alive: Beliefs in contradictory conspiracy theories. Social Psychological and Personality Science, 3(6), 767-773.

 

 

 

Filed Under: Allgemein, Corona, Erstaunliche Effekte, Forschung vorgestellt, Tolle Effekte Tagged With: Bill Gates, Conspiracy Theory, Corona, Covid19, Fake, Forschung, Psychologie, Verschwörer, Verschwörungstheorien

Daheim ist es (nicht immer) am schönsten

17. April 2020 By Constanze Leave a Comment

Dieser Beitrag wurde von zu Hause aus geschrieben. Nicht ungewöhnlich, handelt es sich bei dem Blog doch um ein Hobby. Ungewöhnlich ist, dass ich aktuell auch zu Hause arbeite, Sport mache, online an Yoga-Stunden teilnehme und auch Freunde treffen bzw. After-Work-Events zu Hause bzw. richtigerweise online stattfinden. Die Welt bleibt zu Hause und das schon seit mehreren Wochen. Die Tage scheinen zu verschwimmen und langsam schlägt es dem ein oder anderen aufs Gemüt. Aber warum ist das so? Wie oft wünschen wir uns sonst in stressigen Zeiten, dass wir einfach mal nur zu Hause sein wollen.

Die psychologischen Grundbedürfnisse

Eine psychologische Theorie, die Selbstbestimmungs-Theorie (engl. Self-Determination Theory oder kurz SDT) hilft, besser zu verstehen warum das aktuelle Zuhause-Sein manchmal hart fallen kann. Diese Theorie postuliert, dass der Mensch drei psychologische Grundbedürfnisse hat: Diese sind die Bedürfnisse nach Kompetenz, nach sozialer Eingebundenheit und nach Autonomie. Nur wenn für alle drei gesorgt ist, geht es uns gut. Wie sieht es mit diesen Bedürfnissen aktuell aus?

Arbeit ist prima

Für viele Menschen ist derzeit die veränderte Arbeitssituation eine sehr große Umstellung. Viele arbeiten von zuhause aus, müssen nebenbei noch Kinder betreuen und sich in digitale Schulangebote einfuchsen, befinden sich in Kurzarbeit oder können vielleicht gar nicht mehr ihrem Job nachgehen. Arbeit ist eigentlich eine prima Sache. Neben einem festen Lohn, strukturiert sie den Tag, bietet ein soziales Netzwerk und erlaubt (hoffentlich) Kompetenzerleben. Fällt das alles weg oder ist nur eingeschränkt möglich, kann Langeweile einkehren und damit können wir Menschen gar nicht gut umgehen.

Stromstoß gegen Langeweile

In einer interessanten Serie von Experimenten stellten amerikanische Wissenschaftler (Wilson et al., 2014) die scheinbar simple Aufgabe sich in einem leeren Raum zu setzten und 15 Minuten nichts zu machen. Es gab keinerlei Gegenstände zur Ablenkung, allerdings die Möglichkeit sich – per Knopfdruck – einen elektrischen Schlag zu verpassen. Das Ergebnis war durchaus erstaunlich: Ein Viertel aller weiblichen und zwei Drittel aller männlichen Probanden verpassten sich innerhalb der 15 Minuten mindestens einen Elektroschock. Aus Langeweile. Alle Versuchsteilnehmer hatten vor Beginn des eigentlichen Experiments einen kleinen Stromstoß bekommen und angegeben, dass sie lieber fünf Dollar zahlen würden, als diese Erfahrung noch einmal zu machen.

Gestalte deinen Tag

Wie kann man nun möglichst glücklich durch die aktuelle Zeit kommen? Das Zauberwort heißt Struktur. Die eigenen Tage gestalten (Stichwort Autonomie), persönlich Highlights planen und jeden Tag dadurch zu etwas Besonderem machen. Sei es der FaceTime Anruf bei einem lieben Menschen, ein tolles Abendessen, endlich wieder Klavierspielen, der Spaziergang im Sonnenschein oder einem Online-Live-Konzert lauschen.

Wer aktuell von zu Hause aus arbeitet, sollte versuchen mit den Kollegen auch im informellen Kontakt zu bleiben. Dinge wie das kurze Gespräch an der Kaffeemaschine fallen weg und dadurch fehlt sozialer Kit (Stichwort soziale Eingebundenheit). Genauso wichtig ist es dafür zu sorgen, weiterhin Rückmeldung auf seine Arbeit zu bekommen (Stichwort Kompetenzerleben). Die aktuellen Herausforderungen im Alltag sind oft noch ungewohnt, aber für vieles davon gibt es (kreative) Lösungen. In diesem Sinne: Viel Spaß zu Hause!

 

Literatur

Richard M. Ryan, & Edward L. Deci (2000): Self-Determination Theory and the Facilitation of Intrinsic Motivation, Social Development, and Well-Being. In: American Psychologist 55, 68–78.

Wilson, T. D., Reinhard, D. A., Westgate, E. C., Gilbert, D. T., Ellerbeck, N., Hahn, C., … & Shaked, A. (2014). Just think: The challenges of the disengaged mind. Science, 345(6192), 75-77.

 

Filed Under: Allgemein, Corona, Erstaunliche Effekte, Tolle Effekte Tagged With: Aktuelle Forschung, Corona, Covid19, Forschung, Geschlechterunterschiede, Grundbedürfnisse, Langeweile, Psychologie, Science, Selbstbestimmungs-Theorie, Social Determination Theory, stayhome, Tolle Theorien

Inspiration Instagram

1. März 2019 By Constanze Leave a Comment

Als ich klein war wollten meine Freunde Lehrer, LKW-Fahrer oder Tierpfleger werden. Heute dagegen stehen Berufswünsche wie Influencer oder YouTube-Star ganz weit oben auf der Liste. Eine wirtschaftlich weise Entscheidung, bedenkt man, dass Social Media Berühmtheiten wie Caro Dauer, Sami Silmani oder Leandra Medine für einen Post 500 bis 12000 Euro bekommen.
Trotzdem sind Eltern – nachvollziehbarerweise – bei solchen Karriere-Wünschen häufig skeptisch. Dafür gibt es mindestens zwei Gründe: Zum einen schafft es der Großteil der wanna-be-Influncer nie in die Riege der Großverdiener, da ist eine Ausbildung bei der Bank schon vernünftiger. Im öffentlichen Dienst weiß man zumindest was man bekommt: ein festes Einkommen und eine gute Altersvorsorge wenn auch wenig #fame. Zum anderen – selbst wenn es der eigene Nachwuchs in den Influencer-Zenit schafft – möchte man seine Tochter halb nackt mit einem neuen Paket Proteinpulver oder einer Daniel Wellington Uhr mit super exklusivem Rabattcode sehen? Die Antwort lautet wohl klar „nein“.

Zeitverschwendung Instagram?

Ist Instagram nun reine Zeitverschwendung? Wie so oft ist die Antwort „es kommt drauf an“. Es kommt darauf an was man sich auf Instagram ansieht und was das bei der jeweiligen Person auslöst. Instagram ist eine visuelle Plattform, die hauptsächlich aus Bildern und mal mehr oder weniger inspirierenden oder informativen Bildunterschriften besteht. Scrollt man so durch den eigenen Feed kann schnell der Eindruck entstehen, dass der Rest der Welt gerade Urlaub an einer Traum-Destination verbringt, den Traumprinz geheiratet hat, vor wenigen Stunden das süßeste Baby überhaupt in die Welt gesetzt hat und nebenbei noch 4h Sport am Tag macht, einen Adonis-gleichen Körper hat und hart am #husteln und ein #girlboss ist. Bei dieser heilen Gute-Laune-Welt kann man schon mal neidisch werden.

Neid kann inspirierend sein

Das Neid aber nicht gleich Neid ist, konnten Adrian Meier von der Uni Mainz und seine Kollegen zeigen. Sie teilten 270 Instagram Nutzern in zwei Gruppen ein. Gruppe eins wurden eher unästhetische aus dem Leben gegriffene Reise- und Natur-Aufnahmen präsentiert, während Gruppe zwei idealisierte Bilder von Reisen und Natur gezeigt wurden. Im Anschluss fragten sie die Teilnehmer ob sie sich mit den Personen, die die Bilder aufgenommen haben, vergleichen würden? Falls ja, fühlen sie sich den Fotografen z.B. hinsichtlich ihrer Fotografie-Fähigkeiten oder des Reiseverhaltens eher über- oder unterlegen. Wie zu erwarten fühlten sich die Teilnehmer denen die professionell und idealisierten Bilder gezeigt wurden den Fotografen eher unterlegen. Interessant ist nun, dass diese gefühlte Unterlegenheit zu einer produktiven Form des Neids führen kann, den die Versuchsteilnehmer als inspirierend beschrieben und als Impuls sahen selbst die beste Version ihrer selbst zu werden.

Follow me

Auch wenn viele Instagram Nutzer häufig mehr Zeit damit verbringen durch ihren Feed zu scrollen als geplant, kann dieses Abtauchen in die Glückliche-Bilder-Welt ein Motivator sein selbst im echten Leben was zu ändern. Daher ist es sinnvoll bewusst auszuwählen welchen Accounts man auf Instagram folgen will. Wie gut, dass mein Feed aus (idealisierten!) Pferde- und Essensbildern, tollen Reisedestinationen und Profi-Athlethen besteht. Was das über mein zukünftiges Leben aussagt? Möglicherweise sitze ich als 80jährige mit straffem Bizeps in Neuseeland und sehe meiner Pferde-Herde beim Grasen zu während ich genüsslich eine Green Smoothie Bowl schlürfe. Der Gedanke gefällt mir.

 

Literatur

Meier, A., Gilbert, A., Börner, S., & Possler, D. (2019, Januar). Positive Wirkungen durch soziale Aufwärtsvergleiche auf sozialen Netzwerkseiten? Wie Instagram-Nutzung Inspiration hervorrufen und so das Wohlbefinden steigern kann. Vortrag auf der 25. Jahrestagung der Fachgruppe Rezeptions- und Wirkungsforschung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK), Mainz.

Meier, A., & Schäfer, S. (2018). The Positive Side of Social Comparison on Social Network Sites: How Envy Can Drive Inspiration on Instagram. Cyberpsychology, Behavior, and Social Networking, 21(7), 411-417.

 

 

 

Filed Under: Allgemein, Erstaunliche Effekte, Forschung vorgestellt, Tolle Effekte Tagged With: Emotionen, Forschung, Inspiration, Instagram, Mediennutzung, Medienpsychologie, Neid, Social Media

  • Go to page 1
  • Go to page 2
  • Go to page 3
  • Go to Next Page »

Primary Sidebar

Herzlich Willkommen!


Mein Name ist Constanze und ich bin promovierte Psychologin. Ich mag gute Theorien und wissenschaftliche Erkenntnisse, die einem helfen das Leben besser zu verstehen.

Hier kannst du den Blog abonnieren

Facebook

  • Facebook
  • Instagram

Neueste Beiträge

  • Der Barnum-Effekt: Warum Horoskope Quatsch sind 5. Januar 2026
  • Der wilde Dezember 15. Dezember 2025
  • Black Friday – Warum Rabatte uns plötzlich Dinge kaufen lassen, die wir gestern nicht einmal kannten 27. November 2025

Footer

  • Datenschutz
  • Impressum

Copyright © 2026 · Foodie Pro Theme On Genesis Framework · WordPress · Log in

Diese Website benutzt Cookies. Wenn du die Website weiter nutzt, gehen wir von deinem Einverständnis aus. Weitere Infos in unseren Datenschutzhinweisen. Alles klar!
Datenschutzhinweise

Privacy Overview

This website uses cookies to improve your experience while you navigate through the website. Out of these, the cookies that are categorized as necessary are stored on your browser as they are essential for the working of basic functionalities of the website. We also use third-party cookies that help us analyze and understand how you use this website. These cookies will be stored in your browser only with your consent. You also have the option to opt-out of these cookies. But opting out of some of these cookies may affect your browsing experience.
Necessary
immer aktiv

Necessary cookies are absolutely essential for the website to function properly. This category only includes cookies that ensures basic functionalities and security features of the website. These cookies do not store any personal information.

Non-necessary

Any cookies that may not be particularly necessary for the website to function and is used specifically to collect user personal data via analytics, ads, other embedded contents are termed as non-necessary cookies. It is mandatory to procure user consent prior to running these cookies on your website.

SPEICHERN & AKZEPTIEREN