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Forschung vorgestellt

Der Barnum-Effekt: Warum Horoskope Quatsch sind

5. Januar 2026 By Constanze Leave a Comment

Ich bin Psychologin und glaube nicht an Horoskope. Meine Mama und ich haben das gleiche Sternzeichen und als liebevolle Serviceleistung checkt sie jedes Jahr im Januar sämtliche Jahreshoroskope diverser Zeitschriften. Mir gibt sie dann ausschließlich die guten zum Lesen. Das mache ich gern. Nicht, weil ich plötzlich an die Sterne glaube, sondern weil ich um die Kraft von Self-fulfilling Prophecies weiß.

Ich glaube trotzdem nicht an Horoskope. Vor allem, weil ich den Barnum-Effekt kenne.

Warum sich Horoskope so erschreckend passend anfühlen

Der Barnum-Effekt beschreibt unsere Tendenz, vage und allgemein formulierte Aussagen als hochgradig persönlich zutreffend zu erleben.

Je positiver, widersprüchlicher und wohlwollender eine Aussage ist, desto besser funktioniert sie. Aber was sich stimmig anfühlt, muss nicht wahr sein.

Eine sehr bekannte Studie sei an dieser Stelle erwähnt, die Horoskope ziemlich entzaubert. 1948 liess der US-amerikanische Psychologe Bertram R. Forer seine Studierenden einen Persönlichkeitstest absolvieren. Anschliessend händigte er jedem das Testergebnis aus, angeblich eine individuelle Charakterbeschreibung aus. Die Studierenden sollten auf einer Skala von 0 (poor «mangelhaft») bis 5 (perfect «perfekt») angeben inwieweit sie die Aussagen als für sich zutreffend empfanden. Der Durschnitt über alle Studierende lag bei 4.26 – eine starke Zustimmung.

Tatsächlich hatte Forer die Persönlichkeitstest weder ausgewertet noch personalisierte Profile erstellt. Alle Studierende erhielten exakt dasselbe Profil vorgelegt, bestehend aus typischen Barnum Aussagen.

In späteren Variationen solcher Studien, konnte gezeigt werden, dass die hohe Zustimmung selbst dann bestehen bleibt, wenn die Texte ursprünglich die Beschreibung völlig anderer Personen sind, unter anderem auch Profile, die auf den astrologischen Daten krimineller Personen angefertigt wurden (Dickson & Kelly, 1985; Gauquelin, 1980).

Typische Barnum-Aussagen

Barnum Aussagen mangelt es typischerweise an Objektivität und Falsifizierbarkeit. Sie betonen Aspekte, die vielen Menschen gemeinsam sind oder Eigenschaften, die wir gerne über uns selbst glauben.

Hier ein paar klassische Beispiele:

  • „Du hast hohe Ansprüche an dich selbst, bist aber manchmal unsicher, ob du ihnen gerecht wirst.“
  • „Du wirkst nach außen selbstbewusst, zweifelst innerlich jedoch öfter, als andere vermuten.“
  • „Du brauchst Anerkennung, legst aber großen Wert darauf, unabhängig zu bleiben.“
  • „Du bist sensibel für Stimmungen, auch wenn du das nicht immer zeigst.“
  • „Manchmal ziehst du dich zurück, obwohl du eigentlich Nähe brauchst.“
  • „Du hast ungenutztes Potenzial, das du unter den richtigen Umständen entfalten könntest.“
  • „Du kannst sehr diszipliniert sein, erlaubst dir aber auch Phasen der Nachlässigkeit.“
  • „Du bist loyal gegenüber Menschen, die dir wichtig sind – Enttäuschungen treffen dich dafür besonders.“
  • „Du denkst viel über dich selbst nach und stellst dir existenzielle Fragen, auch wenn dein Alltag oft sehr pragmatisch wirkt.“

Die meisten Menschen können bei mindestens 70% der Aussagen innerlich nicken. Barnum Aussagen werden nicht nur für Horoskope genutzt sondern finden auch beim Wahrsagen, Cold Reading, Coaching-Angeboten und im Human Design Anwendung.

Es gibt wissenschaftlich belegte saisonale Effekte.
Wissenschaftlich betrachtet spielt der Geburtszeitpunkt tatsächlich eine Rolle – allerdings nicht astrologisch, sondern entwicklungspsychologisch und sozial.

Besonders gut untersucht ist der sogenannte Relative-Age-Effekt. Je nach Geburtszeitpunkt sind Kinder innerhalb einer Schulklasse relativ gesehen älter oder jünger als der Klassendurchschnitt. Diese scheinbar kleinen Altersunterschiede haben messbare Konsequenzen: Relativ ältere Kinder zeigen im Durchschnitt bessere schulische Leistungen, erhalten positivere Lehrerurteile, entwickeln ein stärkeres akademisches Selbstkonzept und schlagen häufiger anspruchsvollere Bildungswege ein (Cobley et al., 2009; Bedard & Dhuey, 2006).

Der Effekt ist nicht auf die Schule beschränkt. Auch im Sport zeigt sich, dass relativ ältere Kinder häufiger ausgewählt, intensiver gefördert und langfristig erfolgreicher im Leistungssystem verbleiben (Musch & Grondin, 2001). Nicht, weil sie talentierter geboren wären, sondern weil sich kleine Alterstunterschiede und damit einhergehende körperliche Entwicklung über Jahre hinweg zu systematischen Vorteilen entwickeln können.

Darüber hinaus gibt es Hinweise auf kleine saisonale Effekte, etwa durch Lichtverhältnisse während der Schwangerschaft, die hormonelle Prozesse beeinflussen können (Boland et al., 2015). Auch Infektions- und Stressbelastungen in bestimmten Jahreszeiten sind mit statistisch minimalen Entwicklungsunterschieden assoziiert (Davies et al., 2003).

Wichtig dabei ist: Diese Effekte sind klein, wirken auf Gruppenebene und sind wahrscheinlichkeitsbasiert. Sie erlauben keine Aussagen über individuelle Persönlichkeit, Charakter oder Lebensverlauf.

Was nun? Horoskop lesen, ja oder nein

Ich persönlich lese die von meiner Mama kuratierten Horoskope und freue mich, ein paar freundliche Gedanken mit ins Jahr zu nehmen.

Wenn es jedoch um Persönlichkeit, Entwicklung und Verhalten geht, sind empirische Forschung, Selbstreflexion und Rückmeldungen aus dem eigenen Umfeld die deutlich besseren Berater:innen.

Literatur

  • Bedard, K., & Dhuey, E. (2006). The persistence of early childhood maturity: International evidence of long-run age effects. The Quarterly Journal of Economics, 121(4), 1437–1472.
  • Boland, M. R., Shahn, Z., Madigan, D., Hripcsak, G., & Tatonetti, N. P. (2015). Birth month affects lifetime disease risk: A phenome-wide method. Journal of the American Medical Informatics Association, 22(5), 1042–1053.
  • Cobley, S., Baker, J., Wattie, N., & McKenna, J. (2009). Annual age-grouping and athlete development: A meta-analytical review of relative age effects in sport. Sports Medicine, 39(3), 235–256.
  • Davies, G., Welham, J., Chant, D., Torrey, E. F., & McGrath, J. (2003). A systematic review and meta-analysis of Northern Hemisphere season of birth studies in schizophrenia. Schizophrenia Bulletin, 29(3), 587–593.
  • Dickson, D. H., & Kelly, I. W. (1985). The “Barnum effect” in personality assessment: A review of the literature. Psychological Reports, 57(2), 367–372.
  • Forer, B. R. (1949). The fallacy of personal validation: A classroom demonstration of gullibility. Journal of Abnormal and Social Psychology, 44(1), 118–123.
  • Furnham, A., & Schofield, S. (1987). Accepting personality traits as true: The Barnum effect and astrology. Personality and Individual Differences, 8(2), 211–215.
  • Merton, R. K. (1948). The self-fulfilling prophecy. The Antioch Review, 8(2), 193–210.
  • Michel Gauquelin: Dreams and Illusions of Astrology. Glover & Blair, London 1980, ISBN 978-0-906681-04-6.
  • Musch, J., & Grondin, S. (2001). Unequal competition as an impediment to personal development: A review of the relative age effect. Developmental Review, 21(2), 147–167.
  • Nickerson, R. S. (1998). Confirmation bias: A ubiquitous phenomenon in many guises. Review of General Psychology, 2(2), 175–220.

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Die Qual der Wahl

4. September 2025 By Constanze 1 Comment

Warum uns eine große Auswahl lähmt, anstatt Freiheit zu schenken

Ein Beitrag von Allegra Lenz & Beatrice Deinhart

Fünf oder fünfzig Pullover zur Auswahl beim Online-Shopping – was wäre Dir lieber? Intuitiv bevorzugen viele Konsumenten ein großes Angebot. Paradoxerweise sind wir aber meist zufriedener, wenn wir weniger Auswahl haben. Aber warum ist weniger manchmal mehr und wie werden wir trotz vieler Optionen glücklich mit unserer Wahl?

Kennst du das? Du stehst im Supermarkt vor einem Regal mit gefühlt 100 Kaffeesorten. Arabica, Robusta, Fairtrade, entkoffeiniert, ganze Bohne, Pads … und plötzlich fühlt sich die Entscheidung an wie eine kleine Lebenskrise.

Eigentlich klingt es wie ein Luxus unserer Zeit: Freiheit durch Vielfalt. Aber psychologisch betrachtet erleben wir oft das Gegenteil – Überforderung, Aufschieben, Unzufriedenheit. Genau das beschreibt das sogenannte Auswahlparadox: Je mehr Optionen, desto schwerer fällt uns die Wahl – und desto größer ist die Gefahr, dass wir sie später bereuen (Iyengar & Lepper, 2000).

Was ist das Auswahlparadox?

Dieser Begriff beschreibt eine paradoxe Situation: Je mehr Auswahlmöglichkeiten wir haben, desto schwerer fällt uns die Entscheidung. Eine große Auswahl bedeutet also nicht mehr Zufriedenheit – stattdessen kann sie unsere Fähigkeit zur Entscheidungsfindung überfordern und sogar dazu führen, dass wir mit der getroffenen Wahl unglücklicher sind (Iyengar & Lepper, 2000). Auch nach der Entscheidung für ein Produkt bleibt das Gefühl, eine bessere Wahl übersehen zu haben; die Entscheidung wird im Nachhinein eher bereut. Das Auswahlparadox kann sogar dazu führen, dass wir uns möglicherweise für nichts aus dem angebotenen Sortiment entscheiden und die Entscheidung aufschieben (Chernev et al., 2015).

Wann zu viel Auswahl zu einer Falle wird

Das Auswahlparadox begegnet uns nicht nur im Supermarkt, auch beim Online-Shopping kann es ganz schön zuschlagen. Ob und wie stark es auftritt, hängt von verschiedenen Faktoren ab (Chernev et al., 2015).

Stehst du zum Beispiel unter Zeitdruck, weil ein großer Sale in wenigen Minuten endet, fühlt sich die Entscheidung viel schwerer an. Die Angst, etwas zu verpassen, macht die Auswahl noch komplizierter – dadurch tritt das Paradox eher auf.

Ein weiterer Faktor ist, wie gut man die verschiedenen Optionen vergleichen kann. Wenn sich die Pullover kaum unterscheiden – weder im Preis noch im Muster oder Material – und kein Modell ein klares Alleinstellungsmerkmal wie ein unschlagbares Preis-Leistungs-Verhältnis aufweist, wird es schwieriger, die richtige Wahl zu treffen. Das heißt, je komplexer die Auswahl, desto eher kommt es zum Auswahlparadox.

Anders sieht es aus, wenn Du bereits vor der Entscheidungssituation genau weisst, was Dir wichtig ist. Wenn Du schon eine klare Vorstellung davon hast, dass Dir der Schnitt des Pullovers besonders wichtig ist, kannst Du Vorteile der verschiedenen Modelle, beispielsweise ein besonders hochwertiges Material, besser erkennen und eine schnellere Entscheidung treffen. Bei einer so klaren Präferenz kommt es seltener zum Auswahlparadox. Und schließlich: Wer einfach nur entspannt durch die Seiten scrollt, ohne wirklich eine Entscheidung treffen zu wollen, ist weniger anfällig für das Auswahlparadox. Ohne festen Kaufwunsch fällt die Entscheidung leichter – hier geht es eher ums Stöbern als um eine konkrete Kaufabsicht, also besteht auch kein großer Entscheidungsdruck.

Zu viele Optionen, zu wenig Entscheidung – nicht nur beim Einkaufen

Das Phänomen betrifft nicht nur den alltäglichen Einkauf im Supermarkt oder in einem Online-Shop. Es kann in nahezu jedem Lebensbereich auftreten, in dem wir uns für eine aus zahlreichen Optionen entscheiden wollen. Das kann beispielsweise auch bei dem Aussuchen eines Geschenks, der Wahl des Urlaubsortes oder des Partners bzw. der Partnerin der Fall sein (Dar & Gul, 2024). Singles, die ihre*n Partner*in beim Online-Dating aus 24 Personen auswählten, waren eine Woche später viel unzufriedener mit ihrer Entscheidung und änderten diese eher als Singles, die nur zwischen sechs Personen wählen mussten (D’Angelo & Toma, 2017).

Wie kann ich das Auswahlparadox überwinden?

Es gibt eine gute Nachricht: Auch bei einer großen Auswahl lässt sich das Auswahlparadox umgehen und leicht eine Entscheidung treffen. Es hilft beispielsweise, ausreichend Zeit für die Entscheidungssituation einzuplanen. Auch sollte man sich bereits vor der Konfrontation mit den unterschiedlichen Optionen möglichst detailliert darüber klar werden, wonach man sucht. Welche Merkmale sind Dir beispielsweise bei der Wahl des nächsten Urlaubsorts besonders wichtig – ziehst Du ein schickes Wellnesshotel einer urigen Berghütte vor und falls ja, wie viel Aufpreis wäre Dir das wert? Wer entsprechende Merkmale identifiziert hat, die ihm bei der Entscheidung besonders wichtig sind, kann sich beispielsweise beim Onlineshopping entsprechende Filterfunktionen nach diesem Merkmal zu Nutzen machen. Auch bieten Online-Vergleichsportale inzwischen nützliche Instrumente, um mehrere Entscheidungsoptionen gegeneinander abzuwägen (Stegemann, 2024).

Wer das nächste Mal ratlos vor dem Supermarktregal steht und sich überfordert von unzähligen verschiedenen Kaffeesorten fühlt, dem sei zuletzt noch der Tipp gegeben, mehr auf sein Bauchgefühl zu vertrauen. Eine spontane Entscheidung kann möglicherweise mit viel größerer Zufriedenheit verbunden sein als eine zu durchdachte und komplexe Entscheidung. Auch muss es nicht immer die „beste“ Option sein, für die man sich letztendlich entscheidet – in vielen Fällen reicht auch ein „gut genug“. In diesem Sinne happy Shopping!

Literatur

  • Chernev, A., Böckenholt, U., & Goodman, J. (2015). Choice overload: A conceptual review and meta-analysis. Journal of Consumer Psychology, 25(2), 333–358. https://doi.org/10.1016/j.jcps.2014.08.002
  • D’Angelo, J. D., & Toma, C. L. (2017). There are plenty of fish in the sea: The effects of choice overload and reversibility on online daters’ satisfaction with selected partners. Media Psychology, 20(1), 1–27. https://doi.org/10.1080/15213269.2015.1121827
  • Dar, A. R., & Gul, M. (2024). The “less is better” paradox and consumer behaviour: A systematic review of choice overload and its marketing implications. Qualitative Market Research, 28(1), 122-145. https://doi.org/10.1108/QMR-01-2024-0006
  • Iyengar, S. S., & Lepper, M. R. (2000). When choice is demotivating: Can one desire too much of a good thing? Journal of Personality and Social Psychology, 79(6), 995–1006. https://doi.org/10.1037/0022-3514.79.6.995
  • Stegemann, M. (2024). Konsumverhalten verstehen, beeinflussen und messen: Die Psychologie hinter effektivem Marketing. Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-658-43600-1_12

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Schön, schöner, privilegiert: Pretty (un)fair, oder?

14. August 2025 By Constanze Leave a Comment

Ein Artikel von Bianca Lorenz und Jelena Mrgic

Jeremy Meeks und Luigi Mangione, zwei Verbrecher, die eines gemeinsam haben: ihre schöne Erscheinung. Ihre Attraktivität hat ihnen – und das trotz ihrer Taten – nicht nur immense Aufmerksamkeit, sondern auch eine Fanbase eingebracht. Dieser Effekt, bekannt als „Pretty Privilege“, zeigt wie Schönheit selbst in den dunkelsten Ecken der Gesellschaft das Urteil trüben kann. Welche Rolle spielt also Schönheit in unserer Wahrnehmung? Überstrahlt sie vielleicht sogar unsere moralischen Bewertungen?

Von Mugshot zu Model – Die Faszination schöner Verbrecher

Jeremy Meeks und Luigi Mangione sind lebende Beweise dafür, wie Schönheit selbst bei Verbrechen zu Bewunderung und Profit führen kann. Jeremy Meeks, verurteilt wegen Waffendelikten und schweren Diebstahls, wurde über Nacht berühmt – nicht wegen seiner Taten, sondern wegen eines einzigen Fotos. Sein Polizeifoto, auch Mugshot genannt, ging viral und machte ihn zum gefragten Model, das später für bekannte Marken über den Laufsteg lief. Auch Luigi Mangione, der beschuldigt wird, den CEO einer der größten privaten Krankenversicherungen der USA ermordet zu haben, gewann nach der Veröffentlichung seiner Bilder eine treue Fanbase. Trotz der Schwere der Tat wird er nicht nur für sein attraktives Äußeres bewundert, sondern von manchen sogar als moderner Robin Hood gefeiert. Beide Fälle verdeutlichen, wie äußere Attraktivität das Bild einer Person verzerren und Sympathien wecken kann – selbst in einem moralisch fragwürdigen Kontext. Dieses Phänomen wird als Pretty Privilege bezeichnet und zeigt, wie sehr Schönheit unsere Wahrnehmung beeinflussen kann.

Pretty Privilege – Was steckt dahinter?

Stell dir vor, du stehst in einem überfüllten Café, doch plötzlich wirst du vorgelassen und deine Bestellung wird sofort entgegengenommen. Warum? Weil du ins Auge fällst. Mit deinem Lächeln. Mit deinem Stil. Schönheit eröffnet kleine Privilegien: schnellere Bedienung, freundlichere Worte. Das ist Pretty Privilege in Aktion. Ein ungeschriebenes Gesetz, das besagt, dass attraktive Menschen oft bevorzugt werden. Aber warum ist das so? Wir scheinen oft schönen Menschen automatisch weitere positive Eigenschaften zuzuschreiben, auch wenn wir sie gar nicht kennen. Jemand, der schön ist, muss doch auch intelligent, hilfsbereit oder humorvoll sein, oder? Dieses Phänomen wird als Halo-Effekt bezeichnet: Eine herausragende Eigenschaft, wie Schönheit, „überstrahlt“ andere Merkmale und beeinflusst unsere Wahrnehmung stärker, als uns bewusst ist (Maestripieri et al., 2016)

Schönheit vor Gericht – Milde für die Attraktiven?

Dass Schönheit Vorteile bringt, macht auch vor der Justiz nicht Halt. Schließlich weckt ein attraktives Erscheinungsbild selbst bei schwerwiegenden Verbrechen oft Sympathie oder Mitgefühl. Studien zeigen, dass attraktive Angeklagte tendenziell mildere Urteile erhalten oder sogar freigesprochen werden können (Patry, 2008). Ein beunruhigender Gedanke, der unsere Wahrnehmung von Gerechtigkeit in Frage stellt.

Schönheit zahlt sich aus – von der Wiege bis in den Beruf

Doch auch fernab der Kriminalität werden attraktive Menschen bewundert und bevorzugt. Studien gehen davon aus, dass Schönheit ein Zeichen für gute Gene ist und wir uns deswegen davon angezogen fühlen. Dieses Phänomen tritt übrigens schon bei Babys und Kindern auf. Mitunter ein Grund, weshalb schönere Kinder mehr Aufmerksamkeit von ihren Eltern bekommen (Maestripieri et al., 2016). Auch gibt es Hinweise darauf, dass attraktivere Kinder womöglich besser benotet und als intelligenter eingeschätzt werden (Kenealy et al., 2001). Und als wäre das nicht schon genug, verdienen schönere Menschen auch noch mehr Geld. Denn Schönheit wird später nicht nur mit Leistungsfähigkeit gleichgesetzt, sondern öffnet auch Türen für attraktivere Jobs (Hamermesh, 2011; Nault et al., 2020).

Schönheit mit Nebenwirkungen – also doch pretty (un)fair?

Schön sein und dadurch automatisch im Vorteil – ein Traum oder doch eine Realität, die soziale Ungleichheit aufzeigt? Tatsächlich haben attraktive Menschen in vielen Bereichen bessere Chancen: Sie werden positiver bewertet, bekommen eher einen Job und verdienen mehr als ihre weniger attraktiven Mitarbeiter*innen (Hamermesh, 2011). Klingt unfair? Ist es auch. Denn letztlich bedeutet das, dass Menschen aufgrund ihres Aussehens benachteiligt oder bevorzugt werden – eine Form von Diskriminierung. Doch es gibt auch eine Kehrseite: Das zeigt sich besonders bei Frauen, wenn bestimmte geschlechterspezifische Stereotype ins Spiel kommen. Attraktive Frauen werden häufig mit typischen „femininen“ Eigenschaften assoziiert. In Berufen, die als „männlich“ gelten, kann das zum Nachteil werden: Ihre Leistung wird oft kritischer bewertet, während weniger attraktive Frauen in solchen Bereichen sogar im Vorteil sein können (Rosar & Klein, 2009). Schönheit öffnet also Türen, aber nicht immer die richtigen. Ist Pretty Privilege also wirklich ein Privileg?

Pretty Privilege hinterfragen: Weil nicht alles Gold ist, was glänzt

Aber: Es gibt Möglichkeiten, das „Pretty Privilege“ zumindest etwas abzuschwächen. Wir können uns immer wieder selbst bewusst machen, dass diese Bevorzugung existiert und aktiv dagegen ankämpfen (Burns et al., 2017). Ist der Angeklagte wirklich so unschuldig, wie er sagt? Oder sieht er einfach nur gut aus, sodass man es ihm nicht zutrauen würde? Hat die Bewerberin wirklich bessere Fähigkeiten oder trügt der Schein? Es liegt in unserer Natur, schnell einen ersten Eindruck zu gewinnen und vorschnelle Entscheidungen zu treffen. Es hilft aber durchaus, auch mal die eigenen Annahmen zu hinterfragen und zu erkennen, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. 

Literatur

  • Burns, M. D., Monteith, M. J., & Parker, L. R. (2017). Training away bias: The differential effects of counterstereotype training and self-regulation on stereotype activation and application. Journal of Experimental Social Psychology, 73, 97-110. https://doi.org/10.1016/j.jesp.2017.06.003
  • Hamermesh, D. S. (2011). Beauty pays: Why attractive people are more successful. Princeton University Press. https://doi.org/10.1515/9781400839445
  • Kenealy, P., Frude, N. & Shaw, W. (2001). Influence of children’s physical attractiveness on teacher expectations. Journal of Social Psychology (128(3), 373–383. DOI: 10.1080/00224545.1988.9713754
  • Maestripieri, D., Henry, A. & Nickels, N. (2016). Explaining financial and prosocial biases in favor of attractive people: Interdisciplinary perspectives from economics, social psychology, and evolutionary psychology. Behavioral And Brain Sciences, 40, e19. https://doi.org/10.1017/s0140525x16000340
  • Nault, K. A., Pitesa, M. & Thau, S. (2020). The Attractiveness Advantage At Work: A Cross-Disciplinary Integrative Review. Academy of Management Annals, 14(2), 1103–1139. https://doi.org/10.5465/annals.2018.0134
  • Patry, M. W. (2008). Attractive but guilty: deliberation and the physical attractiveness bias. Psychological Reports, 102(3), 727–733. https://doi.org/10.2466/PR0.102.3.727-733
  • Rhodes, G., Simmons, L. W. & Peters, M. (2005). Attractiveness and sexual behavior: Does attractiveness enhance mating success? Evolution and Human Behavior, 26(2), 186–201. https://doi.org/10.1016/j.evolhumbehav.2004.08.014
  • Rosar, U. & Klein, M. (2009). Mein(schöner)Prof.de. KZfSS Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 61(4), 621–645. https://doi.org/10.1007/s11577-009-0086-1

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Urlaub machen, aber richtig – Psychologie des Urlaubs

25. August 2024 By Constanze Leave a Comment

Sommerferien – der Geruch von Sonnencreme, überall Sand und auf der Zunge noch der Geschmack von Eis. Für viele ist der Urlaub die schönste Zeit des Jahres. Über Wochen fiebert man darauf hin, und dann ist er auch viel zu schnell wieder vorbei – und die Erholung oft innerhalb kürzester Zeit auch dahin.

Die einen wollen am liebsten nur am Strand liegen, andere erklimmen lieber Berge oder entdecken neue Orte und Kulturen. Interessant ist nun natürlich, welche Faktoren es aus psychologischer Sicht gibt, um die Erholung im Urlaub zu optimieren.

Die Länge des Urlaubs ist wenig entscheidend für die Erholung

Intuitiv könnte man meinen, dass eine lange Auszeit bessere Erholungswerte mit sich bringt als kürzere. Tatsächlich ist das nicht so. Eine spannende Studie (de Bloom et al., 2010) zeigt, dass der Erholungseffekt eines Urlaubs in Bezug auf dessen Länge relativ ähnlich sein kann, solange der Urlaub eine Mindestdauer erreicht. Die Wissenschaftler

sprechen dabei von einer Länge von 4 bis 10 Tagen. Diese sollte man sich für einen optimalen Erholungseffekt gönnen; was darüber hinausgeht, hat keine signifikanten Effekte auf die Stressreduktion.

Nach ein bis zwei Wochen ist die Erholung oft bereits verflogen

Häufig fühlt sich nach einer Woche im Alltag der Urlaub schon wieder ganz weit weg an. Dieses Gefühl wird auch durch psychologische Studien bestätigt. Eine Metaanalyse (de Bloom et al., 2009) konnte zeigen, dass die positiven Effekte eines Urlaubs, wie reduzierte Stresslevel und gesteigerte Lebenszufriedenheit, in der Regel unmittelbar nach dem Urlaub am stärksten sind. Diese Effekte beginnen jedoch oft innerhalb weniger Tage bis Wochen abzunehmen. Eine Untersuchung von Kühnel und Sonnentag (2011) konnte feststellen, dass die Erholungseffekte im Schnitt nach zwei bis vier Wochen deutlich abnehmen und das Wohlbefinden sowie die Energielevels bereits eine Woche nach dem Urlaub signifikant zurückgingen. Nach etwa drei Wochen waren viele der Erholungseffekte verschwunden.

Das Urlaubsmindset: Es muss nicht immer Urlaub sein

Manchmal ist es bis zum nächsten Urlaub noch (gefühlt) ganz schön lange hin. Aber psychologische Hilfe naht. Eine interessante Studie hat gezeigt, dass Menschen ihr Wohlbefinden verbessern können, indem sie das Wochenende wie einen Urlaub behandeln. In dieser Studie (West et al., 2021) wurde untersucht, wie sich ein „Urlaubsmindset“ am Wochenende auf das Glücksgefühl und die Zufriedenheit auswirkt. Die Teilnehmer, die das Wochenende wie einen Urlaub behandelten, berichteten von größerer Freude, weniger negativen Gefühlen und einem stärkeren Fokus auf den gegenwärtigen Moment. Spannend war auch, dass es gar nicht darum ging, was die Probanden letztendlich am Wochenende unternahmen. Allein das Gefühl, „frei zu haben“, trug maßgeblich zur Verbesserung des Wohlbefindens bei.

Kurze Urlaube über das Jahr verteilen

Um mit seinen Kraftreserven über das Jahr zu haushalten, ist es sinnvoll, regelmäßig kürzere Urlaube über das Jahr zu verteilen und auch die Wochenenden wie „freie Zeit“ zu behandeln. Das ist gut für die Erholung, und schon allein die Vorfreude versüßt einem den Alltag. In einer Befragung (Gilbert & Abdullah, 2002) fanden britische Marktforscher der University of Surrey heraus, dass die Planung eines Urlaubs bereits glücklicher machen kann. Befragte, die eine Reise planten, bewerteten auch ihre familiäre und gesundheitliche Situation positiver als diejenigen, die keine Reise planten. In diesem Sinne: Nichts wie ran an die Planung der nächsten Auszeit.

Literatur

de Bloom, J., Geurts, S. A. E., & Kompier, M. A. J. (2009). Vacation (after-) effects on employee health and well-being, and the role of vacation activities, experiences and sleep. Journal of Happiness Studies, 10(4), 423–442. https://doi.org/10.1007/s10902-008-9090-8

de Bloom, J., Geurts, S. A. E., & Kompier, M. A. J. (2010). Vacation (after-) effects on employee health and well-being, and the role of vacation activities, experiences and sleep. Journal of Happiness Studies, 13(4), 833-852. https://doi.org/10.1007/s10902-011-9283-9

Gilbert, D., & Abdullah, J. (2002). A qualitative study of the impact of a cultural event on travel behavior. Tourism Management, 23(6), 665-669. https://doi.org/10.1016/S0261-5177(02)00029-9

Kühnel, J., & Sonnentag, S. (2011). How long do you benefit from vacation? A closer look at the fade-out of vacation effects. Journal of Organizational Behavior, 32(1), 125–143. https://doi.org/10.1002/job.699

West, C., Mogilner, C., & DeVoe, S. E. (2021). Treating the weekend like a vacation boosts happiness. Social Psychological and Personality Science, 12(3), 346-356. https://doi.org/10.1177/1948550620924232

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Heute geh ich früh ins Bett – oder doch nicht? Bedtime Procrastination

20. März 2023 By Constanze Leave a Comment

Schlafen ist was Wunderbares. Morgen ausgeschlafen ohne Wecker aufzuwachen ist grossartig und doch kommt es im Alltag höchst selten vor. Wir nehmen uns vor früh ins Bett zu gehen und schaffen es doch irgendwie durch Rumgruschen, Serie gucken oder Handy-Daddeln unsere Zubettgehe-Zeit hinauszuzögern. Warum tun wir das, wo wir doch genau wissen, wie sehr uns der Schlaf am nächsten Tag fehlen wird.

Psycholog:innen nennen dieses Phänomen Bedtime Procrastination, also das Aufschieben der Bettruhe. Der Begriff tauchte zum ersten Mal 2014 in einer Studie der niederländischen Psychologin Floor Kroese und ihren Kolleg:innen auf. Sie beschreiben damit die Beobachtung, dass viele Menschen später zu Bett gehen, als sie eigentlich wollen, ohne triftige externe Gründe dafür zu haben.

Die Rechnung dafür kriegt man direkt am nächsten Morgen. Nach zu wenigen Stunden Schlaf reisst einen der Wecker aus den Träumen und läutet hart den nächsten Tag ein. Im Zombie-Modus geht es aus dem Bett und man verflucht sich selbst warum man gestern nicht einfach rechtzeitig schlafen gegangen ist.

Wieso zögern wir das zu Bett gehen hinaus?

Die Zeit am Abend gehört uns. Während wir tagsüber viel «mussten», ist die Zeit am Abend für viele eine Art heilige Zeit. Die möchte man natürlich voll auskosten. Absurderweise tun wir in der Zeit, wo wir eigentlich bereits schlafen sollten, aber nicht Dinge, die uns guttun und aktiv zur Erholung beitragen. Anstatt uns an der frischen Luft zu bewegen, etwas Neues zu lernen oder eine Yoga-Einheit zu absolvieren, landen wir häufig vor dem Bildschirm. Daddeln am Handy oder sich vom Fernseher berieseln lassen, sind wenig anstrengende Tätigkeiten mit kurzfristigem Belohnungspotential und hohem Ablenkungsfaktor. Gerade wenn wir einen anstrengenden Tag hinter uns haben, ist die Selbstkontrolle besonders gering und die Gefahr das Zubettgehen aufzuschieben besonders hoch.

Ein weiterer Grund kann die eigene Abendroutine sein. Wer seine eigene Abendroutine nicht mag, scheint das Zubettgehen eher hinauszuzögern. Die Tasche für morgen packen, die Kleider fürs Büro rauslegen, den Hund nochmal an die frische Luft lassen, Zahnseide verwenden, die Kontaktlisten entfernen, alles Dinge, die nicht sonderlich viel Spass machen. In einer Studie (Bernecker & Job, 2020), in der über 430 Personen zwischen 19 und 79 Jahren befragt wurden, konnte gezeigt werden: Je nerviger die Befragten ihre Abendroutine fanden, desto eher neigten sie dazu sie aufzuschieben.

Wie kann man sich selbst überlisten?

Wer bemerkt, dass er zu Bedtime Procrastination neigt, sollte am besten zuerst sein Verhalten beobachten. Welche Funktion hat das Aufschieben? Ist es der Versuch Freizeit nachzuholen? Falls ja, kann es helfen mehr schöne Erlebnisse in den Alltag einzubauen oder den Tag anders zu strukturieren. Ist das Aufschieben ein Versuch sich von Sorgen oder Grübeln abzulenken, kann man versuchen die Problem oder Themen aktiv anzugehen – am besten tagsüber.  

Studien konnten zeigen (z.B. Bernecker & Job, 2020; Kroese et al., 2016): Je erschöpfter wir sind, desto mehr steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der innere Schweinehund siegt und wir genau das tun, was wir vermeiden wollen. Daher müssen wir uns proaktiv selbst überlisten und Vorkehrungen treffen. Eine Möglichkeit ist übrigens auch die Abendroutine zu verschlanken. Klar, Elmex Gelee, Zahnseide und diverse Pflegeprodukte sind super aber, wenn wir dadurch das ganze Prozedere hinauszögern, ist eine «schnelle Version» nur mit den absolut notwendigen Schritten an schwierige Abenden besser.

Ausserdem kann es helfen die Prokrastinations-Quellen zu eliminieren, also zum Beispiel Regeln einzuführen wie 1h vor der geplanten Einschlafzeit Aktivitäten vor Bildschirmen zu vermeiden und auch das Handy nicht im Schlafzimmer zu haben.

Und noch ein Tipp für alle, deren Endgegner abends das Handy ist: Bei vielen Modellen kann man einstellen, dass sie ab einer gewissen Uhrzeit alles nur noch in schwarz-weiss anzeigen. Probiert das mal aus, da wird das Scrollen plötzlich sehr unattraktiv.

Literatur

Bernecker, K., & Job, V. (2020). Too exhausted to go to bed: Implicit theories about willpower and stress predict bedtime procrastination. British Journal of Psychology, 111(1), 126-147.

Kroese, F. M., De Ridder, D. T., Evers, C., & Adriaanse, M. A. (2014). Bedtime procrastination: introducing a new area of procrastination. Frontiers in psychology, 5, 611.

Kroese, F. M., Evers, C., Adriaanse, M. A., & de Ridder, D. T. (2016). Bedtime procrastination: A self-regulation perspective on sleep insufficiency in the general population. Journal of health psychology, 21(5), 853-862.

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Upsi! Die Psychologie der Schusseligkeit

18. Juli 2022 By Constanze 2 Comments

Manchmal passieren mir doofe Sachen. Neulich zum Beispiel habe ich in einem Zug ein Paket liegen lassen, das ich zurückschicken wollte. Warenwert 350 EUR. Ich war so ins Beantworten von Mails vertieft, dass ich fast das Umsteigen verpasst hätte, schnell aus dem Zug gesprungen bin und mein Paket vergessen habe. Ärgerlich. Allerdings bin ich nicht alleine. Jeder vergisst mal was, lässt das Portemonnaie zuhause liegen, fragt sich, wo ist eigentlich mein Schlüssel und upsi, jetzt hat man auch noch den Kaffee verschüttet.

In der Psychologischen Forschung heisst Schusseligkeit «cognitive failure». Auf Deutsch könnte man das als «kognitive Fehlleistung» übersetzen. Fehlleistung klingt erst mal brutal, tatsächlich handelt es sich aber vielmehr um ein Augenblicksversagen. Man ist in einem bestimmten Augenblick nicht bei der Sache, hat aber ansonsten ein völlig intaktes Gedächtnis.

Schusseligkeit ist messbar

In der Wissenschaft möchte man Phänomene gerne messbar machen und tatsächlich gibt es auch eine Möglichkeit Schusseligkeit zu messen. Mit dem sogenannten Cognitive Failure Questionair (Broadbent et al., 1982). Die Forscher:innen haben hierfür 25 Szenarien gesammelt und Proband:innen sollten angeben, wie häufig ihnen das in den letzten sechs Monaten passiert ist. So wird zum Beispiel gefragt, ob es einem häufig passiert, dass man in einen Teil des Hauses geht und vergisst, was man da wollte. Oder aber wie oft es einem passiert, dass einem Dinge runterfallen oder man sich selbst dabei erwischt, wie man tagträumt, während man eigentlich jemandem zuhören sollte.

Warum sind manche Menschen schusseliger als andere?

Professor Sebastian Markett und sein Team interessieren sich für die Frage, warum einige Menschen schusseliger sind als andere. Hier stellt sich die für die Psychologie klassische Frage, wie viel Anteil hat unser genetisches Programm (Anlage) und wie viel davon ist gelernt bzw. ein Verhalten, das wir uns über die Jahre angewöhnt haben (Umwelt). Die einfache Antwort auf die Frage lautet «50:50». Es gibt Hinweise darauf, dass es eine genetische Komponente gibt. Vereinfacht gesagt gibt es Gene, die Stoffwechselprozesse im Hirn beeinflussen, die dazu führen, dass wir anfälliger sind bestimmte Dinge zu tun, die wir als «schusselig» bezeichnen würden (Markett et al., 2014). Zudem gibt es bestimmte Persönlichkeitseigenschaften, die Schusseligkeit begünstigen. Menschen, die weniger ihren eigenen Fähigkeiten vertrauen – man nennt das in der Psychologie «eine geringe Selbstwirksamkeit haben» – ein wenig ängstlicher und impulsiver sind, also gerne mal Dinge stehen und liegen lassen, wenn sie auf etwas Interessantes stossen – zeigen tendenziell eher schusseliges Verhalten (Markett et al., 2020).

Wenn der Fokus nach innen gerichtet ist

Rein evolutionär betrachtet ist es wichtig, dass wir unseren Fokus nach aussen richten. Nur so können wir uns davor schützen gefressen oder überfahren zu werden. Tatsächlich ist es aber auch wichtig, dass wir den Fokus regelmässig nach innen auf unser Selbst richten. Wir denken darüber nach, was in der Vergangenheit passiert ist und wie wir unsere Zukunft gestalten wollen. Was hat das nun mit Schusseligkeit zu tun? Es gibt Studien (z.B. Bey et al., 2015), die darauf hindeuten, dass uns besonders häufig kleine geistige Ausrutscher passieren, wenn wir von dem nach aussen gerichteten Modus in den nach innen gerichteten wechseln. Sozusagen ein neuropsychologischer Beleg für die Entschuldigung «ich war in Gedanken ganz woanders». Genau, bei dir selbst.

Was kann man tun, um weniger schusselig zu sein?

Wie bei so vielen Dingen, hat Stress auch auf Schusseligkeit einen negativen Einfluss. Heisst, Stress reduzieren und generell weniger zu multitasken kann helfen. Im echten Leben ist das aber nicht immer so einfach. Zwischen Job, Freizeit, Freunden und Familie gilt es oft viele Bälle gleichzeitig hochzuhalten. Da helfen tatsächlich vor allem klare Strukturen und Routinen. Man kann sich zum Beispiel angewöhnen immer vorm Verlassen des Hauses sich selbst zu fragen: Schlüssel, Handy, Portemonnaie? Oder man definiert feste Plätze für die Dinge, die man in der Regel ständig verlegt. Möglicherweise hilft auch Meditation gegen Schusseligkeit. Studien konnten zeigen, dass Mediations-erfahrene Menschen besser bewusst zwischen nach aussen und nach innen gerichtetem Fokus wechseln können. Das kann helfen mehr im Hier und Jetzt zu sein und dadurch weniger anfällig für Schussligkeiten zu sein.

Sind Schussel sympathischer?

Schusselig sein klingt wie ein Makel und ja, auch ich hätte mir gewünscht mein Paket nicht im Zug zu vergessen. Tatsächlich gibt es aber auch einen positiven Aspekt an den kleinen Ausrutschern. Kleine Makel machen uns sympathischer. In der Psychologie wird das der Pratfall-Effekt genannt (Helmreich, Aronson, & LeFan, 1970).

Forschende liessen Probanden in einem Experiment die Sympathie von Personen bewerten, die schwierige Quizfragen beantworteten. Besonders sympathisch fanden sie die Personen, die fast alle Antworten richtig hatten, aber zusätzlich ihre Kaffeetasse umstiessen.

Und wie ging es mit dem Paket weiter?

Für alle, die sich gefragt haben, was mit meinem Paket passiert ist: Dank dem Suchservice der Bahn durfte ich das Paket eine Woche später wieder in Empfang nehmen und konnte es noch rechtzeitig zurückschicken. Und wie verhindere ich, dass mir sowas in Zukunft wieder passiert? Ich stellte mir jetzt immer einen Wecker auf 5min vor meiner geplanten Umsteigezeit. So werde ich durch den externen Trigger aus meinen Gedanken gerissen und mein Fokus wird wieder aufs Aussen gerichtet. Hat bisher super funktioniert. Aber Achtung: Im Zweifel kann einen der Wecker-Ton so erschrecken, dass man sich selber Kaffee über die Kleider schüttet. Wie so oft im Leben ist es nicht so einfach.

Literatur

Bey, K., Montag, C., Reuter, M., Weber, B., & Markett, S. (2015). Susceptibility to everyday cognitive failure is reflected in functional network interactions in the resting brain. Neuroimage, 121, 1-9.

Broadbent, D.E., Cooper, P.F., FitzGerald, P., & Parkes, K.R.  (1982). The Cognitive Failures Questionnaire (CFQ) and its correlates. British Journal of Clinical Psychology, 21, 1-16.

Helmreich, R., Aronson, E., & LeFan, J. (1970). To err is humanizing sometimes: Effects of self-esteem, competence, and a pratfall on interpersonal attraction. Journal of personality and social psychology, 16(2), 259.

Markett, S., Montag, C., Diekmann, C., & Reuter, M. (2014). Dazed and confused: a molecular genetic approach to everyday cognitive failure. Neuroscience letters, 566, 216-220.

Markett, S., Reuter, M., Sindermann, C., & Montag, C. (2020). Cognitive failure susceptibility and personality: Self-directedness predicts everyday cognitive failure. Personality and Individual Differences, 159, 109916.

Wallace, J. Craig; Kass, Steven J.; Stanny, Claudia J. Rast, P., Zimprich, d., Van Boxtel, M., & Jolles, J.  (2009). Factor structure and measurement invariance of the Cognitive Failures Questionnaire across the adult life span. Assessment, Vol. 16(2), 145-158.

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Der 99-Effekt – die Psychologie der Preisgestaltung

5. April 2022 By Constanze Leave a Comment

Ein T-Shirt für 19,99 EUR, Flüssigseife für 1,99 EUR und der neueste Thriller von Sebastian Fitzek für 22,99 EUR. Eigentlich könnte man doch gleich 20 EUR für das Shirt, 2 EUR für die Seife und 23 EUR für das Buch verlangen, oder? Macht es doch kaum einen finanziellen Unterschied und würde z.B. unnötiges 1 Cent-Rückgeld geben vermeiden. Ok, das Argument zählt mittlerweile – wo beinahe jeder mit Karte bezahlt – kaum noch, aber tatsächlich wirkt diese Preisgestaltung schon ein wenig kompliziert.

Produkte mit 99er-Preis werden mehr gekauft

Wirken die 99er-Preise tatsächlich günstiger und fallen wir als Verbraucher:innen darauf rein? In einer recht bekannten Studie wollten die amerikanischen Forschenden Robert Schindler und Thomas Kibarian (1996) genau diese Frage beantworten. Dafür versendeten sie in Summe 90.000 Warenkataloge. Ein Drittel dieser Kataloge enthielt die typischen 99er Preise, also 4,99, 9,99 oder 19,99, das zweite Drittel der Kataloge bewarb Produkte mit glatten Preisen, also zum Beispiel 5, 10 oder 20 und das letzte Drittel der Prospekte beinhaltete Produkte mit 88er-Preise, also beispielsweise 4,88, 9,88 oder 19,88.

Das bedeutet, dass die Preise des letzten Drittels im Durchschnitt am niedrigsten waren und daher zu erwarten gewesen wäre, dass – wenn der Mensch ökonomisch handeln würde – am meisten Produkte aus diesen Katalogen gekauft wurden. Die Realität sah allerdings anders aus! Am meisten wurden Produkte aus den 99-er Katalogen gekauft und zwar signifikant mehr als aus beiden anderen Katalog-Versionen. In Prozent ausgedrückt kauften die Konsumierenden 8% mehr, wenn die Produkte auf «,99» endeten.

Warum tappen wir in die 99er-Falle?

Die Forschenden wollten nun natürlich verstehen: Was ist der Grund dafür? Fühlt sich 1 Cent weniger tatsächlich nach deutlich günstiger an? Um das zu untersuchen, wurden Proband:innen in einem Experiment (Bizer & Schnindler, 2005) daher entweder gefragt: «Wie viele Produkte zum Preis von 2,99 Dollar kann man mit 73 Dollar kaufen?» oder ihnen wurde die Frage «Wie viele Produkte zum Preis von 3 Dollar kann man mit 73 Dollar kaufen?». Tatsächlich stellte sich heraus, dass die Versuchsteilnehmenden kleinere Fehler bei der Aufaddierung machten und die Anzahl der Produkte mit 99er Preisen, die man für 73 Dollar kaufen kann, leicht überschätzten. Dieser Effekt wird verstärkt, wenn die Motivation, die Preise genau anzusehen, nicht sonderlich hoch ist oder der Konsumierende müde oder erschöpft ist. 

Darüber hinaus gibt es noch einen wichtigen Bedeutungseffekt. Damit wird beschrieben, dass die 99er-Preise eine Botschaft senden. Diese Preise wirken auf Probanden als sei es der niedrigste verfügbare Preis, als wäre er seit einiger Zeit nicht mehr angehoben worden beziehungsweise, dass es sich um ein Sonderangebot handelt (Schindler & Kibarian, 2001). Sonderangebote sind sowieso ein spannendes Thema: Dort ist nämlich tatsächlich die Höhe des Rabattes entscheidender für die Kaufentscheidung als der finale Endpreis (Boz, Arslan & Koc, 2017).

Luxusmarken setzen auf glatte Preise

Luxusmarken machen sich den oben erklärten Bedeutungseffekt übrigens zu Nutze, indem sie genau das Gegenteil tun. Dort findet man selten sogenannte «gebrochene Preise», sondern meistens glatte Preise, da diese Qualität und Luxus ausdrücken sollen. So konnte zum Beispiel experimentell nachgewiesen werden, dass sich eine Flasche Champagner besser verkaufte, wenn sie 40 Dollar anstatt 39,72 oder 40,28 Dollar kostete (Wadhwa & Zhang 2015).

Unglaublich, dass wir Konsument:innen uns wirklich davon beeinflussen lassen, nicht wahr? Die gute Nachricht ist allerdings, genau wie bei anderen Effekten, dass sie – zumindest zum Teil – ihre Wirksamkeit verlieren, wenn wir uns ihrer bewusst sind. In diesem Sinne: Happy Shopping.

Literatur

Bizer, G. Y., & Schindler, R. M. (2005). Direct evidence of ending‐digit drop‐off in price information processing. Psychology & Marketing, 22(10), 771-783.

Boz, H., Arslan, A., & Koc, E. (2017). Neuromarketing aspect of tourısm pricing psychology. Tourism Management Perspectives, 23, 119-128.

Schindler, R. M., & Kibarian, T. M. (1996). Increased consumer sales response though use of 99-ending prices. Journal of Retailing, 72(2), 187-199.

Schindler, R. M., & Kibarian, T. M. (2001). Image communicated by the use of 99 endings in advertised prices. Journal of Advertising, 30(4), 95-99.

Wadhwa, M., & Zhang, K. (2015). This number just feels right: The impact of roundedness of price numbers on product evaluations. Journal of Consumer Research, 41(5), 1172-1185.

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Pamela, zeig uns deinen (Schwimm-)Reif

23. Februar 2022 By Constanze Leave a Comment

Franziska Ströhm & Leonie Peters

Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Und in der Belichtung. Und im Kontrast. Unrealistische Schönheitsideale überfluten insbesondere bildbasierte Social-Media-Plattformen wie Instagram. Immer mehr Influencerinnen lassen deswegen nun die perfekte Hülle fallen und zeigen: Instagram ist nicht gleich Reality. 

Und mal ehrlich: wer kennt es nicht? Ich liege sonntagnachmittags in Jogginghose auf der Couch und schaue mir zum dritten Mal das Staffelfinale von Pretty Little Liars an. In der einen Hand einen Schokoriegel, in der anderen das Handy, scrolle ich durch Instagram. Nach dem dritten Bikinifoto einer selbstbewusst lächelnden Schönheit fängt die Vergleichsmaschine an zu rattern. Ihre sonnengebräunten Beinchen, meine Jogginghosenstampfer. Ihr eingeölter Waschbrettbauch, meine Chipskrümel im Bauchnabel. Ihr strahlendes Lächeln, mein verzweifelter Blick in den Spiegel als ich realisiere, dass ich so schön niemals sein werde. Aber wieso stört mich das überhaupt, wenn ich doch ausgesprochen zufrieden mit meinem Couch-Tag war? 

Nach der Theorie des Psychologen Leon Festinger hat jeder Mensch das Bedürfnis, die eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten zu verbessern (Festinger, 1954). Bilde ich meine Visionen, Ansprüche und Motivationen, indem ich mich an anderen orientiere, nennt Festinger das den “sozialen Vergleich”. Dabei vergleichen wir uns vor allem mit Leuten, die uns ähnlich scheinen. Betrachte ich eine Person, die ich mir selbst als unterlegen wahrnehme, wird der Vergleich als “abwärtsgerichtet” bezeichnet. Dies kann gut für meinen Selbstwert und meine Körperwahrnehmung sein, jedoch meine Veränderungsmotivation schmälern. Wähle ich eine Vergleichsperson, welche mir in den für mich relevanten Merkmalen überlegen scheint, vergleiche ich mich “aufwärts”. Dies kann zwar sehr inspirierend wirken, jedoch meine Selbst- und Körperwahrnehmung verschlechtern. Wenn meine beste Freundin nach ihrer neuen Diät im Freibad alle Blicke auf sich zieht, nagt das doch etwas an meinem Selbstwertgefühl. 

Instagram ist eine Social-Media-Plattform, die zu jeder Tages- und Nachtzeit Material für den aufwärtsgerichteten Vergleich bietet. Influencerinnen zeigen ihr scheinbar alltägliches und dennoch perfekt inszeniertes Leben und werden so zur Vergleichsgruppe für junge Frauen. Die Wissenschaft mahnt Instagram überwiegend mit erhobenem Zeigefinger, denn sie zeigt: Dem Körperbild junger Frauen tut der ständige Aufwärtsvergleich nicht gut. Je häufiger und intensiver sie Instagram nutzen, desto eher neigen sie zur Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper, einem geringen Selbstwertgefühl und depressiven Symptomen (Sherlock & Wagstaff, 2019). Manchmal ertappe ich mich selbst dabei, dass ich eine andere Person schlecht rede, obwohl (oder gerade weil) ich sie insgeheim beneide. Wenn Vergleichspersonen “zu perfekt” sind, fällt es mir schwer, mich mit ihnen zu identifizieren. Das nennt sich “Kontrasteffekt”. Ich nehme die Vergleichsperson als so anders wahr, dass ich gar nicht erst anfange, Gemeinsamkeiten zu suchen, sondern mit Ablehnung und Missgunst auf sie reagiere (Meier & Schäfer, 2018; Meier, Gilbert, Börner & Possler, 2020). Manchmal ertappe auch ich mich dabei, wie ich eine andere Person schlecht rede obwohl – oder gerade, weil – ich sie insgeheim beneide. Diese Form von Neid ist destruktiv… aber Moment, kann Neid auch konstruktiv sein?

Einige Influencerinnen haben sich die negativen Auswirkungen von Instagram auf das Körperbild junger Frauen zum Anlass genommen, einer Gegenbewegung zu folgen: “Instagram vs. Reality”. Sie posten jeweils zwei Bilder. Eines entsprechend der gängigen Instagram-Perfektion: ihr trainierter Körper, inszeniert in schmeichelnder Pose und passender Belichtung. Direkt daneben ein weiteres, welches die Realität abbilden soll: ihr Körper unvorteilhaft gebeugt, Dehnungsstreifen und Orangenhaut im Bildfokus. Instagram-Nutzerinnen sollen darauf aufmerksam gemacht werden, dass “der perfekte Körper” nicht existiert. Der eingeölte Waschbrettbauch meines Vorbildes sieht dann plötzlich gar nicht mehr so trainiert aus, wenn sie so wie ich entspannt auf der Couch lümmelt. Das Gefühl, nicht gut genug zu sein, schlägt in wohlwollende Sympathie um. Ein bisschen Neid ist zwar immer noch da, aber eigentlich ist mein Vorbild doch gar nicht so anders als ich. Wenn sie es also schafft, erfolgreich zu sein, könnte ich mich morgen doch auch mal wieder aufraffen und Joggen gehen. Wenn die innere Vergleichsmaschine so arbeitet, entsteht ein sogenannter Assimilationseffekt (Meier & Schäfer, 2018; Meier, Gilbert, Börner & Possler, 2020). Weil die Vergleichsperson nahbar ist, kann ich mich mit ihren positiven Eigenschaften identifizieren – und bin motiviert. Neid kann sich so auch konstruktiv anfühlen. 

In der Theorie sollte ich mich also besser fühlen, wenn mein Startfeed auf Instagram mir neben makellosen Bikinifotos auch ganz alltägliche Bilder von Frauen in Jogginghosen-Sonntagslaune präsentieren würde. Marika Tiggemann und Isabella Anderberg, Psychologinnen der Flinders University in Australien, haben einen in einer Studie versucht, das zu prüfen. Dafür haben sie 305 Frauen im Alter von 18-30 Jahren zufällig in drei Gruppen eingeteilt. Der ersten Gruppe wurden “Instagram vs. Reality”-Fotos gezeigt. Die zweite Gruppe schaute sich nur die perfekten Fotos an, die in aller Manier bearbeitet wurden. Der dritten Gruppe wurden nur Fotos vorgelegt, die reale Körper ohne Filter zeigten. Alle Teilnehmerinnen gaben außerdem an, wie zufrieden sie mit ihren Körpern sind. Wie erwartet zeigte die Studie, dass die beiden Gruppen, die sich “Reality” und “Instagram vs. Reality”-Fotos ansahen, zufriedener mit ihrem eigenen Körper waren als die Gruppe, die sich nur perfekte Fotos anschaute (Tiggemann & Anderberg, 2020). Der Unterschied zwischen den drei Gruppen zeigt uns jedoch nicht, ob perfekte Instagram-Bilder das eigene Körperbild verschlechtern oder “Reality”-Fotos es verbessern – vielleicht ja sogar beides. 

Wir dürfen trotzdem wichtige Schlüsse daraus ziehen. Wer selbst ein Instagram-Profil hat, darf neben schönen Urlaubsbildern und gestellten Fotos aus dem Fitnessstudio auch gerne mal ein realistisches, ganz alltägliches Foto hochladen. Für uns als Followerinnen heißt das: Wenn der Blick auf Instagram bei mir ein schlechtes Gefühl bewirkt, ist das in Ordnung. Das geht nicht nur mir so. Mir bleibt aber die Wahl, wem ich folge und welche Vorbilder ich mir suche. Zudem tut es gut zu verstehen, dass ich mich unwohl fühle, weil ich mich aufwärtsvergleiche. 

Die Wissenschaft besinnt sich neben all den kritischen Stimmen also ihres erhobenen Zeigefingers und lehrt uns: Social-Media bietet den Userinnen auch eine Chance. Die Chance, sich mit realistischen Vorbildern zu vergleichen und den eigenen Körper ein kleines bisschen mehr zu akzeptieren. Mein Sonntagsoutfit betrachte ich etwas versöhnlicher und greife nochmals beherzt in die Chipstüte.

Literatur  

  • Festinger, L. (1954). A theory of social comparison processes. Human relations, 7, 117-140.
  • Meier, A., Gilbert, A., Börner, S., & Possler, D. (2020). Instagram inspiration: How upward comparison on social network sites can contribute to well-being. Journal of Communication, 70(5), 721-743. https://doi.org/10.1093/joc/jqaa025 
  • Meier, A., & Schäfer, S. (2018). The positive side of social comparison on social network sites: How envy can drive inspiration on Instagram. Cyberpsychology, Behavior, and Social Networking, 21, 411–417.https://doi:10.1089/cyber.2017.0708
  • Sherif, M., & Hovland, C. I. (1961). Social judgment: Assimilation and contrast effects in communication and attitude change.
  • Sherlock, M., & Wagstaff, D. L. (2019). Exploring the relationship between frequency of Instagram use, exposure to idealized images, and psychological well-being in women. Psychology of Popular Media Culture, 8, 482.
  • Tiggemann, M., & Anderberg, I. (2020). Social media is not real: The effect of ‘Instagram vs reality’images on women’s social comparison and body image. New Media & Society, 22, 2183-2199.

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Special Issue: Soziale Medien und das Selbst

19. Oktober 2021 By Constanze Leave a Comment

Fast vier Milliarden Menschen nutzen soziale Medien, das entspricht etwa der Hälfte der Weltbevölkerung. Rechnet man Kinder unter 13 Jahren raus, kommt man sogar auf die beeindruckende Zahl von 65% der Weltbevölkerung. 

Der oder die durchschnittliche globale Nutzer:in verbringt dabei täglich 144 Minuten in sozialen Medien. Eine enorme Zahl. Stellt euch vor, man würde jeden Tag die gleiche Zeit – also gut zwei Stunden – zum Beispiel damit verbringen eine neue Sprache oder ein Instrument zu lernen. Aus psychologischer Sicht ist nun natürlich spannend zu untersuchen, welchen Einfluss die Nutzung sozialer Medien auf Menschen hat. 

Master-Studierende der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg haben sich genau damit beschäftigt und hatten dabei das Ziel  komplexe Fachliteratur zu diesem Thema in spannende Artikel zu verwandeln. Unter der Leitung meiner ehemaligen Kollegin und grossartigen Freundin Dr. Silvana Weber haben sie sich zum Beispiel mit denn Themen beschäftigt, warum wir häufig viel länger am Handy daddeln als beabsichtigt oder was es mit uns macht, wenn wir auf Instagram und Co. mit den gestählten Körpern von Fitness-Influencern konfrontiert werden. 

In einem Special Issue zum Thema „Soziale Medien und das Selbst“ werden hier in den nächsten Wochen auf dem Blog die Texte von vier Studentinnen aus diesem Master-Seminar veröffentlicht. 

Ich freue mich sehr über diese (ersten) Gastbeiträge auf meinem Blog und wünsche Euch ganz viel Spass beim Lesen. 

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Pssst… die Psychologie der Geheimnisse

31. Januar 2021 By Constanze Leave a Comment

Kannst du ein Geheimnis für dich bewahren? Klar! Du musst mir versprechen, dass du es niemandem sagst, versprochen? Versprochen!

Diesen Dialog hat wohl ein jeder von uns schon mal so oder so ähnlich geführt. Denn im Schnitt trägt eine Person 13 Geheimnisse mit sich herum, davon teilen wir fünf mit niemandem. Bei den restlichen acht ist zumindest eine Person eingeweiht. Woher weiß man das so genau? Wer zählt denn die Geheimnisse anderer Menschen? Michael Slepian tut das!

Er ist Professor an der Columbia Business School in New York und in tausende von Geheimnisse eingeweiht. Es ist sein Job, Menschen nach ihren Geheimnissen zu fragen, denn er erforscht, was Menschen lieber für sich behalten und was das mit ihnen macht.

 

Geheimnisse drehen sich oft um Liebe und Finanzen

In seinen Studien konnte Michael Slepian feststellen, dass sich die Geheimnisse, die Menschen auf der Seele brennen, in 38 Kategorien einteilen lassen. Am häufigsten wurden Geheimnisse genannt, die sich um die Themen heimliche Liebe, Finanzen, sexuelle Vorlieben und Gedanken an eine andere Person als den Partner*in drehten. Die vollständige Liste aller Kategorien findet sich hier. Die am häufigsten genannten Gründe für die Geheimhaltung waren die Angst nach der Offenlegung schlecht dazustehen und kritisiert zu werden, der Wunsch Konflikte vermeiden zu wollen, die Angst eine Beziehung zu gefährden und das Streben nach Zugehörigkeit und Akzeptanz (Slepian, Chun, & Mason, 2017).

Geheimnisse können eine Last sein

Kinder lieben Geheimnisse, vor allem schöne, spannende und fantastische Geheimnisse. Für sie sind Geheimnisse ein wichtiges Werkzeug, um ihre eigene Identität zu finden. Es sind erste kleine Schritte hin zu eigenen Freiräumen und einem sich Abgrenzen von den Eltern. Wenn es sich aber um unschöne Geheimnisse handelt, die Angst- und Schuldgefühle erzeugen, ist es extrem wichtig, dass sie sich jemandem anvertrauen können. Ganz ähnlich ist das bei Erwachsenen.

In einer spannenden Serie von Studien untersuchte Michael Slepian und seine Kollegen über 11.000 Geheimnisse. Dabei konnten sie feststellen, dass es Menschen erheblich belastet, wenn sie ein Geheimnis für sich behalten müssen. Interessanterweise nicht, weil sie das Geheimnis in bestimmten Situationen aktiv verbergen mussten, sondern weil sie im Alltag – ob sie es wollten oder nicht – immer wieder an das Geheimnis denken mussten. Dieses Grübeln ist anstrengend und hat negative Auswirkungen auf das psychisches und auch physisches Wohlbefinden (Slepian, Greenaway, Masciampo, 2020).

Bei Geheimnissen gilt: Geteiltes Leid ist halbes und doppeltes Leid

Tatsächlich gibt es empirische Studien, die zeigen, dass sich das psychische und physische Wohlbefinden steigert, wenn man Geheimnisse mit Menschen teilt, die einem nahestehen. Außerdem konnte man feststellen, dass sich die Beziehung zwischen zwei Personen intensiviert, wenn einer den anderen ins Vertrauen zieht (Slepian & Moulton-Tetlock, 2019). Das klingt erst mal gut, allerdings hat das ganze auch eine Schattenseite, denn mit dem Geheimnis gibt man auch die Belastung weiter (Slepian & Greenaway, 2018).

Teilen oder nicht teilen? Teilen!

Wenn es niemandem gibt, mit dem wir unser Geheimnis teilen können oder wollen, dann gibt es immer noch die Option, es sich von der Seele zu schreiben, denn auch das hilft nachweislich. Allen, denen es nicht reicht seine Gedanken für sich aufzuschreiben, für die gibt es immer noch das Internet. Man kann beispielsweise anonym auf der Plattform PostSecret kleine und größere Geheimnisse teilen und soziale Unterstützung finden. Die spannendsten Geheimnisse wurden mittlerweile sogar als Buch veröffentlicht. Geheimnisse, die laut Buchbeschreibung heiter, rührend und manchmal auch verstörend sind und nebenbei das tröstliche Gefühl geben, dass man nicht der oder die Einzige ist, der oder die was zu verheimlichen hat.

 

Literatur

Slepian, M. L., Chun, J. S., & Mason, M. F. (2017). The experience of secrecy. Journal of Personality and Social Psychology, 113(1), 1.

Slepian, M. L., & Greenaway, K. H. (2018). The benefits and burdens of keeping others‘ secrets. Journal of Experimental Social Psychology, 78, 220-232.

Slepian, M. L., Greenaway, K. H., & Masicampo, E. J. (2020). Thinking through secrets: Rethinking the role of thought suppression in secrecy. Personality and Social Psychology Bulletin, 46(10), 1411-1427.

Slepian, M. L., & Moulton-Tetlock, E. (2019). Confiding secrets and well-being. Social Psychological and Personality Science, 10(4), 472-484.

 

 

 

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