Ich bin Psychologin und glaube nicht an Horoskope. Meine Mama und ich haben das gleiche Sternzeichen und als liebevolle Serviceleistung checkt sie jedes Jahr im Januar sämtliche Jahreshoroskope diverser Zeitschriften. Mir gibt sie dann ausschließlich die guten zum Lesen. Das mache ich gern. Nicht, weil ich plötzlich an die Sterne glaube, sondern weil ich um die Kraft von Self-fulfilling Prophecies weiß.
Ich glaube trotzdem nicht an Horoskope. Vor allem, weil ich den Barnum-Effekt kenne.

Warum sich Horoskope so erschreckend passend anfühlen
Der Barnum-Effekt beschreibt unsere Tendenz, vage und allgemein formulierte Aussagen als hochgradig persönlich zutreffend zu erleben.
Je positiver, widersprüchlicher und wohlwollender eine Aussage ist, desto besser funktioniert sie. Aber was sich stimmig anfühlt, muss nicht wahr sein.
Eine sehr bekannte Studie sei an dieser Stelle erwähnt, die Horoskope ziemlich entzaubert. 1948 liess der US-amerikanische Psychologe Bertram R. Forer seine Studierenden einen Persönlichkeitstest absolvieren. Anschliessend händigte er jedem das Testergebnis aus, angeblich eine individuelle Charakterbeschreibung aus. Die Studierenden sollten auf einer Skala von 0 (poor «mangelhaft») bis 5 (perfect «perfekt») angeben inwieweit sie die Aussagen als für sich zutreffend empfanden. Der Durschnitt über alle Studierende lag bei 4.26 – eine starke Zustimmung.
Tatsächlich hatte Forer die Persönlichkeitstest weder ausgewertet noch personalisierte Profile erstellt. Alle Studierende erhielten exakt dasselbe Profil vorgelegt, bestehend aus typischen Barnum Aussagen.
In späteren Variationen solcher Studien, konnte gezeigt werden, dass die hohe Zustimmung selbst dann bestehen bleibt, wenn die Texte ursprünglich die Beschreibung völlig anderer Personen sind, unter anderem auch Profile, die auf den astrologischen Daten krimineller Personen angefertigt wurden (Dickson & Kelly, 1985; Gauquelin, 1980).
Typische Barnum-Aussagen
Barnum Aussagen mangelt es typischerweise an Objektivität und Falsifizierbarkeit. Sie betonen Aspekte, die vielen Menschen gemeinsam sind oder Eigenschaften, die wir gerne über uns selbst glauben.
Hier ein paar klassische Beispiele:
- „Du hast hohe Ansprüche an dich selbst, bist aber manchmal unsicher, ob du ihnen gerecht wirst.“
- „Du wirkst nach außen selbstbewusst, zweifelst innerlich jedoch öfter, als andere vermuten.“
- „Du brauchst Anerkennung, legst aber großen Wert darauf, unabhängig zu bleiben.“
- „Du bist sensibel für Stimmungen, auch wenn du das nicht immer zeigst.“
- „Manchmal ziehst du dich zurück, obwohl du eigentlich Nähe brauchst.“
- „Du hast ungenutztes Potenzial, das du unter den richtigen Umständen entfalten könntest.“
- „Du kannst sehr diszipliniert sein, erlaubst dir aber auch Phasen der Nachlässigkeit.“
- „Du bist loyal gegenüber Menschen, die dir wichtig sind – Enttäuschungen treffen dich dafür besonders.“
- „Du denkst viel über dich selbst nach und stellst dir existenzielle Fragen, auch wenn dein Alltag oft sehr pragmatisch wirkt.“
Die meisten Menschen können bei mindestens 70% der Aussagen innerlich nicken. Barnum Aussagen werden nicht nur für Horoskope genutzt sondern finden auch beim Wahrsagen, Cold Reading, Coaching-Angeboten und im Human Design Anwendung.
Es gibt wissenschaftlich belegte saisonale Effekte.
Wissenschaftlich betrachtet spielt der Geburtszeitpunkt tatsächlich eine Rolle – allerdings nicht astrologisch, sondern entwicklungspsychologisch und sozial.
Besonders gut untersucht ist der sogenannte Relative-Age-Effekt. Je nach Geburtszeitpunkt sind Kinder innerhalb einer Schulklasse relativ gesehen älter oder jünger als der Klassendurchschnitt. Diese scheinbar kleinen Altersunterschiede haben messbare Konsequenzen: Relativ ältere Kinder zeigen im Durchschnitt bessere schulische Leistungen, erhalten positivere Lehrerurteile, entwickeln ein stärkeres akademisches Selbstkonzept und schlagen häufiger anspruchsvollere Bildungswege ein (Cobley et al., 2009; Bedard & Dhuey, 2006).
Der Effekt ist nicht auf die Schule beschränkt. Auch im Sport zeigt sich, dass relativ ältere Kinder häufiger ausgewählt, intensiver gefördert und langfristig erfolgreicher im Leistungssystem verbleiben (Musch & Grondin, 2001). Nicht, weil sie talentierter geboren wären, sondern weil sich kleine Alterstunterschiede und damit einhergehende körperliche Entwicklung über Jahre hinweg zu systematischen Vorteilen entwickeln können.
Darüber hinaus gibt es Hinweise auf kleine saisonale Effekte, etwa durch Lichtverhältnisse während der Schwangerschaft, die hormonelle Prozesse beeinflussen können (Boland et al., 2015). Auch Infektions- und Stressbelastungen in bestimmten Jahreszeiten sind mit statistisch minimalen Entwicklungsunterschieden assoziiert (Davies et al., 2003).
Wichtig dabei ist: Diese Effekte sind klein, wirken auf Gruppenebene und sind wahrscheinlichkeitsbasiert. Sie erlauben keine Aussagen über individuelle Persönlichkeit, Charakter oder Lebensverlauf.
Was nun? Horoskop lesen, ja oder nein
Ich persönlich lese die von meiner Mama kuratierten Horoskope und freue mich, ein paar freundliche Gedanken mit ins Jahr zu nehmen.
Wenn es jedoch um Persönlichkeit, Entwicklung und Verhalten geht, sind empirische Forschung, Selbstreflexion und Rückmeldungen aus dem eigenen Umfeld die deutlich besseren Berater:innen.
Literatur
- Bedard, K., & Dhuey, E. (2006). The persistence of early childhood maturity: International evidence of long-run age effects. The Quarterly Journal of Economics, 121(4), 1437–1472.
- Boland, M. R., Shahn, Z., Madigan, D., Hripcsak, G., & Tatonetti, N. P. (2015). Birth month affects lifetime disease risk: A phenome-wide method. Journal of the American Medical Informatics Association, 22(5), 1042–1053.
- Cobley, S., Baker, J., Wattie, N., & McKenna, J. (2009). Annual age-grouping and athlete development: A meta-analytical review of relative age effects in sport. Sports Medicine, 39(3), 235–256.
- Davies, G., Welham, J., Chant, D., Torrey, E. F., & McGrath, J. (2003). A systematic review and meta-analysis of Northern Hemisphere season of birth studies in schizophrenia. Schizophrenia Bulletin, 29(3), 587–593.
- Dickson, D. H., & Kelly, I. W. (1985). The “Barnum effect” in personality assessment: A review of the literature. Psychological Reports, 57(2), 367–372.
- Forer, B. R. (1949). The fallacy of personal validation: A classroom demonstration of gullibility. Journal of Abnormal and Social Psychology, 44(1), 118–123.
- Furnham, A., & Schofield, S. (1987). Accepting personality traits as true: The Barnum effect and astrology. Personality and Individual Differences, 8(2), 211–215.
- Merton, R. K. (1948). The self-fulfilling prophecy. The Antioch Review, 8(2), 193–210.
- Michel Gauquelin: Dreams and Illusions of Astrology. Glover & Blair, London 1980, ISBN 978-0-906681-04-6.
- Musch, J., & Grondin, S. (2001). Unequal competition as an impediment to personal development: A review of the relative age effect. Developmental Review, 21(2), 147–167.
- Nickerson, R. S. (1998). Confirmation bias: A ubiquitous phenomenon in many guises. Review of General Psychology, 2(2), 175–220.











